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Der globale Schaden der Nikotinindustrie und einige moralische Argumente PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Bernhard Raestrup   
29.09.2007
Der globale Schaden der Nikotinindustrie und einige moralische Argumente

Helmut Geist, Peter Heller, John Waluye: Rauchopfer – Die tödlichen Strategien der Tabakmultis
Horlemann-Verlag
2004, 9,90 Euro
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Der Kampf gegen die Nikotinsucht wird – wie die gesamte Gesundheitsdebatte - auf individueller Ebene ausgefochten: „Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu“ prangt dementsprechend auf meiner Tabakpackung. Dass Rauchen aber nicht nur bei MitraucherInnen im Umkreis von wenigen Metern einen vergleichsweise harmlosen Schaden, sondern auch Menschen global auf der Welt einen ganz erheblichen Schaden hinzufügt, wird in der Debatte um das Rauchen geschickt ausgeblendet. Vom sozialen, politischen und kulturellen Schaden, den die Tabakindustrie weltweit ausrichtet, handelt endlich dieses Buch. Als bekennender Kettenraucher kann ich nur sagen: Endlich mal wirklich ein Grund, mit dem Gequalme aufzuhören.
Das Buch von Geist, Heller und Waluye beleuchtet den Schaden, den das Rauchen zufügt, aus einer globalen, ökonomischen und politischen Sicht. Hierzu einige interessante Zahlen:

  • Für die Erzeugung einer einzigen Schachtel Zigaretten werden 2,4 Kilogramm Holz zum Trocknen des Tabaks benötigt.
  • Bei aller Scheinheiligkeit subventioniert allein die Europäische Union den Tabakanbau mit jährlich 2 Milliarden Euro – ähnlich hoch sind die Ausgaben der EU für Aufklärungskampagnen gegen den Konsum von Nikotin
Das Buch beginnt packend wie ein Kriminalroman und ist durchgehend so geschrieben. Es erzählt die Geschichte des tansaniischen Journalisten John Waluye, der sein Handwerk beim Spiegel und bei Gruner und Jahr lernte und nach seiner Rückkehr nach Tansania über 10 Jahre über die Folgen der sich in seiner Heimat ausbreitenden Tabakindustrie recherchierte.

Augenscheinlich auffällig war die sich ausbreitende Wüste, dort, wo früher dichte Miombowälder standen. Er beschreibt die Umweltzerstörungen nachvollziehbar am Beispiel einer Bahnreise ins Marlboro Country: „Hat der Zug erst einmal den Bahnhof Tura, Malongwe, passiert und nähert sich schließlich Goweko im Distrikt Tabora-Land, dann dünnt die Miombowaldbedeckung auf beiden Seiten der Eisenbahnlinie zusehends aus. Weites, ödes Agrarland mit nur noch vereinzelten Baumbeständen tritt uns entgegen. Hier wird Tabak angebaut. Große, alte Miombowälder, einst Lebensraum für wilde Tiere wie Elefanten und Löwen, aber auch Schmetterlinge und Bienen, sind verschwunden. Die Wälder wurden abgeholzt. ... Bis auf wenige Exemplare haben sich die Miombobäume in Bau- und Feuerholz für bruner Gold [Tabak] verwandelt. In Goweko, aber auch in anderen Landscaftsteilen der Region Tabora, sterben die Bäume. Die Bienen fliehen und schließlich geht das Imkergewerbe zugrunde.“

Die nachhaltigen Schäden an der Natur und damit auch an der Wirtschaft äußern sich auch in sozialen Zusammenhängen. Die meisten Tabakanbauer sind als „Selbstständige“ beschäftigt und müssen vom Tabakanbau und –verkauf leben. Es entstehen nikotinabhängige Volkswirtschaften, an deren unterem Ende die Tabakbauer stehen. Von einer Schachtel Zigaretten für 4 Euro bleiben den Tabakbauen weniger als 3 Cent. 2/3 des Verkaufspreises bleiben dem Staat an Steuern, den Rest teilen sich Hersteller und Aufkäufer.

Die Tabakbauern sind von einem engen Gefecht aus Tabakkonzernen und Zulieferern von Maschinen und Düngemittel sowie Pestiziden abhängig. Am Beispiel einer Tabakbauernfamilie rechnen die Autoren vor, was vom eigentlich guten Jahresumsatz von 717 US-Dollar übrigbleibt: manchmal nur knapp 17 Dollar für ein ganzes Jahr. Es ist ein Teufelskreis aus Krediten, die die Tabakfirmen für den Ankauf von Pestiziden Maschinen und Düngemitteln gewähren, aus steigenden Transportkosten für das benötigte Holz, wenn die Wälder in der Umgebung bereits abgeholzt sind und einer Abhängigkeit vom Verkaufspreis an de großen Konzerne.

„Lets Go South“

Die Antirauchkampagnen in den Industrieländern ficht die Tabakmultis nicht an. Sie erschließen sich gegenwärtig neue Weltmärkte – so z.B. China, Indien und arabische Länder. Weltweit sind ca. 1,5 Milliarden Menschen nikotinabhängig. Davon leben rund vier Fünftel in Niedrig- oder Mitteleinkommensländern des Südens. Mit geschickten Werbestrategien werden neue Märkte erschlossen – so gilt unter arabischen intellektuellen Frauen das Rauchen zunehmend als Zeichen der Emanzipation. Selbst von der Tabakindustrie gesponsorte Anti-Rauch-Kampagnen machen heisß aufs Rauchen – oder welcher Jugendliche wird nicht erst recht neugierig, wenn ihnen, wie bei einer Kampagne von BAT geschehen, angeraten wird: „Tut doch nicht so furchtbar erwachsen! Genießt eure Jugend rauchfrei, ihr habt ja später noch ein paar Jahrzehnte Zeit, erwachsen zu sein...“

Das Buch gibt einen fundierten Überblick über die Strategien der Tabakkonzerne, um in die Nikotinabhängigkeit zu führen und in ihr zu halten, stellt die Verflechtungen der Tabakkonzerne mit dem internationalen Tabakschmuggel dar, gibt ausführliches Zahlenmaterial zur ökonomischen, sozialen und ökologischen Schäden in den Anbau- und Konsumentenländern. Es schildert ausführlich aus sicht der betroffenen, welche Schäden die Tabakindustrie weltweit verursacht, die weit darüber hinaus gehen, was an Schäden in den westlichen Industrieländern diskutiert wird:

„Rauchen fügt den Ländern der dritten Welt erhebliche Schäden zu“

Anmerkungen zur aktuellen Nikotindebatte:

Mein Vater starb im Sommer 1983 im Alter von 60 Jahren an einem zu spät erkannten Bronchialkrebs. Obwohl er im Herbst 1981 noch stolz und glücklich von einer Krebsvorsorgeuntersuchung kam, die ihm bescheinigte, dass „alles m grünen Bereich“ sei, ließ er sich ab Februar 1982 wegen konstant erhöhter Temperatur untersuchen Der Entzündungsherd in seinem Körper – der Krebs – wurde erst im Sommer lokalisiert. Damals war es zu spät. Als Berufskraftfahrer starb er, der damals seit 6 Jahren Nichtraucher war, in dem Bewusstsein, er selbst habe seinen Krebs verursacht. Zweitens geisterte damals noch die These herum, dass psychischer Stress Krebs auslösen würde – wir Kinder suchten ins uns die Schuldigen. Er starb mit uns kreuzunglücklich – alle gaben sich selbst die Schuld.
Ein Bekannter, ehemaliger Kettenraucher, war letztens erbost, weil ich in seiner Gegenwart  rauchte. Ein Freund sei in dieser Woche an Gaumenkrebs gestorben. Als meine Eltern 1970 ihr Eigenheim bauten, bauten wir das zukünftige Haus aus den herumliegenden Asbestplatte nach. Wir haben sie gebrochen, zugeschnitten und durchbohrt und haben lustige Nachmittage auf der Baustelle verbracht. Die Asbestplatten sind nach wie vor in dem verkaufte und inzwischen ökologisch begrünten Haus verbaut.

Warum bekomme ich Krebs – wo liegen die Ursachen? Im persönlichen Verhalten oder in gesellschaftlichen Umständen? Bekomme ich nur deshalb Krebs, weil mir Nichtraucher ihre Autoabgase und Feinstäube in die Nase blasen, weil ich Passivraucher bin, weil ich nichtrauchender Berufskraftfahrer bin, weil ich Kettenraucher bin, weil ich als Kind (wie ich) mit Asbest gespielt habe, weil als Bergmann arbeitete, weil ich Tabak angebaut habe?

Arbeit, Krankheit und Tod

Die Arbeitsstättenverordnung verbiet inzwischen das Rauchen am Arbeitsplatz. Demnächst dürfen wir auch nicht mehr in Kneipen rauchen. Aber wir müssen überall den Dreck einatmen, den Autos verursachen, den unerträglichen und tödlichen Lärm hinnehmen, den sie verursachen und es wird hingenommen, wir an hochtoxischen Arbeitsplätzen wie z.B. Müllsortieranlagen arbeiten, wo wir nicht rauchen dürfen, weil das unserer Gesundheit schadet. Das ist reiner Hohn. Wir müssen den Stress an der Kasse im Supermarkt hinnehmen (schauen sie mal genau hin, welche krankmachenden Stühle und Arbeitsumgebungen die (mehrheitlichen) Damen haben), wir müssen einen Arbeitsdruck hinnehmen, dem viele aus meiner Umgebung mit 40 erlagen, ich muss darauf achten kein Essen zu konsumieren, das mir Sodbrennen verursacht, weil es mit Chemikalien vergiftet ist, aber ich darf nicht mehr rauchen?

Seit 25 Jahren wünsche ich mir diese gegenwärtige Debatte, weil wir endlich dem ganzen anderen Dreck, wie z.B. Räucherstäbchen- und Kerzenabgasen verseuchten Nichtrauchhäusern mit Autoabgasen vor der Tür und bröchelndem Asbest in den Decken an den Kragen gehen können - und vor allem diesem ganzen scheinheiligen Gelümmel gegen das bisschen Qualm der NikotinistInnen. 




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