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Die kreolische Service-Reparatur PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Eckart Menzler-Trott   
21.08.2007
Image Edward Craig (Hg.), Die Kleine Routledge Enzyklopädie der Philosophie. 3 Bände (A – G, 620 S., H – N 731 S., O - Z 696 S.). Übersetzt von Wolfgang Sohst und Barbara Ergenzinger. Berlin 2007: Xenomoi Verlag (www.xenomoi.de) € 92.-

„Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.“ (Otto Neurath, Protokollsätze. Erkenntnis 3 (1932/3), S. 204-214). Und so wird an- und abgebaut, werden Einzelteile verändert, Ersatzteile aus Ersatzstoffen hergestellt und eingebaut. Die Frage ist, ob das Schiff dasselbe bleibt, wenn irgendwann alle Teile ausgetauscht sind. Und ist vielleicht noch zu erwarten, dass ein Schiff in einer bestimmten Gestalt den Heimathafen verlässt und in anderer Form im Zielhafen einfährt? Und auf die Philosophie bezogen heisst das: Ideen sind stark vom Gebrauch abhängig und bedürfen der beständigen Wartung.
Kein Tag vergeht, dass in Publikationen nicht Reparaturen von Begriffen, Argumentationen und Theorien vorgeschlagen werden. Und wir haben nicht nur ein Schiff, es sind unterschiedlichste Schiffe, ja ganze Flotten unterwegs. Kein Mensch kann alle Einzelteile aller Schiffe kennen. Und so wie der Baumarkt Hornbach einen Einzelteile- und Gerätekatalog für Handwerker-Profis herausbringt, so gibt es Katalogverzeichnisse in Form von Enzyklopädien für die zuverlässige Flickwerk-Wartung der Philosophie. Die vergleichbare „Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie“ (Hg. J. Mittelstraß, EA 1980 – 1996, 4 Bde., 4000 Artikel, 3696 S., kartoniert, € 99,95.- Eine Neubearbeitung in 8 Bänden seit 2005 wird voraussichtlich 2009 fertiggestellt) legt ihr Schwergewicht auf die historisch reflektierte Form des dargestellten Wissens in aufgeklärter Philosophie und den (Natur-)Wissenschaften. Und dabei ist gerade die deutsche und abendländische Tradition hervorragend vertreten. Was aber bringt uns die deutsche Übersetzung der „Shorter Routledge Encyclopedia of Philosophy“, die im Original 1077 Seiten umfasst, 900 Artikel enthält, von denen mehr als 130 umfangreich sind und von führenden Philosophen selbst geschrieben wurden, und nur € 36,95.- kostet?


Lassen wir uns durch den Zufall leiten. Ich möchte gerne wissen, was es mit Autor und Buch von Walter Dubislav, Die Fries’sche Lehre von der Begründung, 1926, auf sich hat. Wer war Dubislav? Wer war Fries? Kein Eintrag zu diesen Personen zu finden. Dubislav war meiner Erinnerung nach mit Hans Reichenbach in der Berliner Gesellschaft für wissenschaftliche Philosophie, einer Gruppe logischer Empiristen. Kein Eintrag. Im Eintrag „Wiener Kreis“ ebenfalls nichts zu finden. Dabei waren die beiden Kreise in Berlin und Wien durchaus verbunden. Auch nichts unter „Aufklärung, kontinentaleuropäische“ zu ersehen.

Wie steht es mit der afrikanischen Philosophie in Nigeria? In den drei Einträgen „Afrikanische Philosophie“, „Afrikanische Philosophie, englischsprachige“ und „Afrikanische Philosophie, französische“ kommt schwammig der Begriff afrikanischer Sozialismus vor; aber ansonsten scheint es in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas, keine afrikanische Philosophie zu geben.

Vielleicht ist das alles zu speziell. Vielleicht ist die „Kleine Routledge Enzyklopädie“ eher als Lesebuch zum Durchblättern gedacht. Beim schönen Artikel über Hume schaue ich deshalb auch gar nicht erst nach, was H. über Selbsttötung oder die Unsterblichkeit de Seele schrieb. Es steht nicht drin. Dafür sind 3 Literaturhinweise abgedruckt. Was nicht in englischer Sprache erscheint, findet nicht statt oder? Im Artikel über Gottlob Frege, eines deutschen Mathematikers, der als „algebraischer Landvermesser“ ausgebildet worden sein soll, ist tatsächlich ein deutscher Literaturhinweis: Seine „Die Grundlagen der Arithmetik“ von 1884. Aber kein Hinweis auf Lothar Kreisers „Frege – Leben, Werk, Zeit“ (2001), der die Biographie Freges entschlüsselt, ein Bereich, den der Eintrag erst gar nicht erwähnt (und Freges Antisemitismus und politische Ansichten auch nicht). Die kleine Routledge Enzyklopädie ist eben systematisch und nicht historisch ausgerichtet.

So finden sich exzellente Artikel zu Plato oder Aristoteles, Wahrscheinlichkeit oder Feminismus, Universalien, Tugend und Laster oder Wittgenstein. Moralische Rechtfertigung, John Stewart Mill, Grundlagen der Mathematik, Heidegger, logische Implikation, Leibniz oder Locke, Berkeley, Geschichte der Erkenntnistheorie sind ebenfalls Gegenstände umfangreicher Überblicksartikel. Diese werden in bester analytischer Weise dargestellt, wobei das nur heissen soll, dass immer ein Blick auf die Themen aus der englischen und amerikanischen Tradition erfolgt. Das ist auf alle Fälle interessant. Jedem Band ist ein Verzeichnis der Beiträge auf deutsch und englisch und ihrer Autoren vorangesetzt. Allerdings kann man lange von kurzen Artikel nur dann an der gepunkteten Linie unterscheiden, wenn man den Eintrag bereits aufgeschlagen hat. Manche der kleinen Artikel aber so sind abstrakt, dass ihr Informationsgehalt nicht oft weiter hilft. Wer beispielsweise Chassidismus sucht, der muss zu „Hasidismus“ gehen und der Eintrag ist nicht wirklich Ursprung eines Wissens. Das gilt auch für „Hildegard von Bingen“. Wenn man wirkliches Wissen sucht, geht man stattdessen zu Japanischer Philosophie oder Hegel, Recht und Moral oder Rousseau. Kurzum: für die grossen klassischen Themen ist die kleine Routledge Enzyklopädie wundervoll. Für eine tiefergehende Analyse ist aber die Konsultation des Ritterschen Historisches Wörterbuch der Philosophie und die Mittelstrass’sche Enzyklopädie unerlässlich, wenn man nicht gleich auf Spezialliteratur angewiesen ist. Für Einsteiger in die Philosophie ist aber die kleine Routledge Enzyklopädie der beste Deal.




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