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Eine literarische Collage PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Eckart Menzler-Trott   
20.02.2006
Walter Kempowski, Hamit. Tagebuch 1990. Knaus Verlag: München.
2006. 418 S., geb. € 24,95

Der Volks- und Unterhaltungsschriftsteller, bewunderter Metteur der Montagekunst, Walter Kempowski, der Fritz-Reuter von Nartum, publiziert soeben sein drittes Tagebuch. „Ein dummes Luder ist der Kempowski nicht“ (S. 219). Das veröffentlichte Tagebuch, immer sorgfältig nach Maß, Unterscheidung, Tiefe und Kontur bearbeitet und strukturiert, ist eine literarische Kunstform. Umso mehr überrascht es, daß Kempowski sich gleich zu Anfang ressentimentgeladen, rechthaberisch, sentimental, eigenschmeichlerisch und geltungssüchtig gibt. Alte Schuhe sind bequemer als neue, selbst wenn diese trefflich gefertigt sind. „Anstatt allgemeine Vorurteile zu verwerfen, werden weise Leute ihren Scharfsinn aufwenden, um die in solchen Vorurteilen verborgene Weisheit zu entdecken“, bemerkt Edmund Burke. Und in der Tat, ein Vorurteil muß nicht notwendig Irrtum sein; es ist einfach eine gefasste Meinung, deren Vertreter nicht selbst die Gründe hierfür anzugeben vermag; es kommt dem Instinkt nahe, dem gesunden Menschenverstand des einfachen Mannes. Und ein großes Vorurteil von Kempowski ist: der Kommunismus ist Kappes. Und wie schrieb Lichtenberg: „So lange wir nicht unser Leben so beschreiben, alle Schwachheiten aufzeichnen, von denen des Ehrgeizes bis zum gemeinen Laster, so werden wir nie einander lieben.“ Ist Authentizität aber nicht, wenn man keine Schutzmechanismen gegen Neues ausgebildet hat? Wir finden menschliche Züge an Kempowski, denn er buhlt nicht allein um Anerkennung, die er erzwingen möchte (Nicht: „Vater wäre stolz“, sondern „Vater wäre vor Stolz geplatzt“ (S. 247)) – wie kein Schriftsteller vor ihm -, sondern gibt Rachegelüsten, Wut, Trauer, Zorn, Schmerz, Beleidigtsein und Angst nach. Auf Quatsch reagiert er gerne foppend mit Provokation oder schauspielernd. Kempowskis Tagebuch gibt Platz für romantische, individuelle Gefühle, Betrachtungen, Meinungen, Komik und private Interessen. Wir lesen also Eindrücke, keine ausgefeilten Reflexionen. Nihil humani a me alienum puto, denkt der menschenfreundliche Pädagoge Kempowski. Ein Wunder, denn das Jahr 1990 hat es in sich.


Rostock als Kulisse

Die DDR ist zusammengebrochen und es steht die Wiedervereinigung an. Kempowski besucht mit seinem Bruder Robert seine Heimatstadt Rostock. „Leute ohne eine Bindung an Heimat sind mir verdächtig.“(S. 7). Später heißt es: „Niedersachsen und Saarland haben der Wirtschaftsunion der beiden deutschen Staaten nicht zugestimmt. Lafontaine und Schröder sind dagegen. Hic regio eius religio. Was sind das für Menschen. Sollte das Wort von den „vaterlandslosen Gesellen“ am Ende doch zutreffen?“ (S. 226) „Ich werde mich der Heimatstadt in Tarnkleidern nähern, das wird das beste sein. Von hinten anschleichen, kein Aufsehen erregen“ (S. 10). Und in die sie „jetzt tatsächlich wohl irgendwie als Sieger wieder einziehen würden.“ (S.13). Er sieht die zerstörte, heruntergekommene Innenstadt: „In den Seitenstraßen verfallene Häuser mit eingestürzten Dächern, Dreckhaufen, die Straße voller Schlaglöcher, Pfützen. Und über allem der gelbliche Braunkohlenqualm, aus den Schornsteinen giftig, der sich auf die Bronchien legt.“ Bei seinen Gastgebern sieht er sich abends im Fernsehen die „Feuerzangenbowle“ an und spricht zum die Dialoge zum Erstaunen der Kinder zeitweilig mit und schreibt: „“Wahr sind nur die Träume...“ Dieser Satz, der irgendwie nicht stimmt, aber doch so voll von wohltuendem Sentiment ist. „Wahr sind nur die Träume, die wir spinnen und die Erinnerungen, die wir in uns tragen – damit müssen wir uns bescheiden...“ Wem da nicht die Tränen fließen, dem ist nicht zu helfen.“ (S. 23) Er liest DDR-Literatur und findet Bestätigungen dafür, daß diese Leute nicht alle Tassen im Schrank gehabt haben mußten. Dennoch heißt es später: „Nein ich habe keinen Spaß daran, Recht behalten zu haben. Das ist zu teuer gewesen, für alle Seiten“ (S. 84). Er macht sich „Intensive Überlegungen, ob man hier ein Grundstück erwerben sollte und sich ansiedeln?“ Er besucht Wohnung und das Geschäftshaus („...gehört doch uns?“) seiner Familie, besucht eine Buchhandlung, deren Buchhändlerin sich nicht anmerken ließ, daß sie ihn erkannt hatte und findet Ernst Busch und Bert Brecht unerträglich. Seine Besichtigung der Heimat wandelt sich in eine Inspektion. Unverzüglich erörtert er die Umstände seiner geplanten ersten Lesung in Rostock. Das Geschäft wird nie vergessen. Er besucht weitere historische Stätten, die Kempowski in seinen Büchern geschildert hatte. „Daß man uns anbot, das Biotop zu besichtigen, in dem sie aufgewachsen sind, blieb uns Gott sei Dank erspart.“ (S. 40). Und: „Nach damals gefragt hat uns keiner.“ (S. 42). Das verletzt. „Wir hatten den Eindruck, daß die Stadt aufatmete, als wir gen Westen davon fuhren, sie hob sich im Aufatmen und sank wieder in sich zurück.“ (S. 43) Im Fernsehen, irgendeiner Talkshow, sieht er Karl-Eduard von Schnitzler und ist entsetzt darüber, wie der sich aus der Verantwortung reden konnte: „Man hat sie geschult, diese Leute, deshalb sind sie die Stärkeren. Für unsere jungen, unbeleckten Leute, die gern einen Ringelreihen tanzen auf blumiger Wiese, müßte man eine Kaderschmiede einrichten. (...) Gut und dumm – das paßt zusammen.“ (S. 45) Oder: „Der fette Gysi. Mit diesem Mann darf man sich nicht auf einen Wortwechsel einlassen. Unangenehmer Mensch.“ (S. 172) „Gysi in Talk-Show frech. Dumme Erbitterungsgesprächspartner ihm zur Seite. Da müssen sie schon ein anderes Geschütz auffahren, um es mit diesem Mann aufnehmen zu können.“ (S. 216). „Hermann Kant ist ein äußerst geschickter Rabulist, dem die Journalisten hier in keiner Weise gewachsen sind.“ (S. 263). Er sinnt über Biographien: „Jede Biographie ist ein Gegenstück zu einer anderen. Alle zusammen bilden eine Kuppel, und wir stehen unten und sinnen den Mustern nach, die sich aus den Lebenslinien bilden und sonderbarerweise großartig zusammenfügen.“ (S. 46). Aber: „Ich glaube kaum, daß Lebensläufe aus heutiger Zeit für irgendeinen Menschen von belang sind.“ (S. 108). Nach Kempowski sei die Kultur eines Volkes auch an den Archiven zu messen (S. 88). Welche Ideen, Meinungen und Interessen sind ihm wichtig? Was für ein Geist steckt in ihm? Was am Nationalen, Deutschen in der ehemaligen DDR ist wichtig oder fruchtbar oder ist alles auszustreichen und neu aufzubauen? Es läßt sich nicht herausfinden. Und es ist nicht festzustellen, ob in den Vorgängen um die Wiedervereinigung etwas internationales, europäisches liegt, also etwas, was unsere Nachbarn interessieren könnte. Rostock ist allein die Kulisse seiner Erwartungen, Ansprüche, befürchtungen und Hoffnungen. Was wir sehen, hängt ab von dem, was wir sind. Und Kempowski sieht tränenblind überall nur Zerfall, niederschmetternde Verluste. Wir finden wenig Scharfsinn und viel Gerede, aber auch keine Geistreichelei. Der Wunsch nach einer Resurrektion einer alles wieder gutmachenden Vergangenheit geht nicht in Erfüllung. Das erschöpft und bringt wenig freundliche Stimmung.


Der Abschreiber
Ein weiteres Ereignis bestimmt das Jahr bis zum Ende. Walter Kempowski hätte, so der Stern-Autor Harald Wieser, beim Rostocker Autor Tschirch „abgekupfert“(S. 48). Und das rumort in Kempowski: „Das Wort „Fundstück“ ist eigentlich das mir gemäße. Ich hebe Erzählpartikel auf, wo immer ich sie finde. (...) Man muß sich wundern, daß eine allgemeine Unkenntnis herrscht über literarische Collagen und deren Funktion in der Literatur. (...) Im „Tadellöser“ stehen auf jeder Seite ungekennzeichnete Zitate, das Buch ist, wie auch „Gold“, eine einzige große Collage. (...) Im Echolot wird sich die Verwendung fremder Erzähler noch extremer zeigen, dort wird kein einziges Wort von mir erscheinen.“ (S. 51). Ich finde, daß hätte er einfach zur Klarheit in die betreffenden Bücher hineinschreiben können: Eine literarische Collage. Aber weil er das nicht hat, hat er ein trotz gegenteiliger Beteuerungen ein schlechtes Gewissen und zählt seine Hilfstruppen in dieser Sache: Karaseck, Raddatz, Hark Bohm, Dierks, Kleßmann, Uta Ranke-Heinemann und andere. „Der „Abschreiber“ hängt mir an.“ (S. 63) Der Plagiator-Vorwurf entwickelt sich dann fast paranoid: „Aus den Menschencrowds manch neugieriger Blick: Das ist der, der geklaut hat.“ (S. 89). Seine Pseudoerklärung, er hätte auch „streng genommen“ alle Erzählpartikel seiner Mutter als Quellen kennzeichnen müssen (S. 128) gibt nur schlechtes Gewissen wieder, die in dem Ausruf gipfelt: „Ich muß leider sagen, ich habe kein Unrechtsbewußtsein.“ (S. 128). „Ich habe schon wieder an Collage gedacht. Der Vergleich mit Kluge trifft zu und gefällt mir.“ (S. 347). „In der Werbeschrift des Knaus Verlages für meine Lesungen steht zu lesen: „Erregte im Januar Aufsehen wegen eines Plagiatvorwurfs.“ – Verantwortlich dafür ist natürlich niemand. Zu Wutausbrüchen reicht es nicht. Manchmal möchte man in der Tat alles kaputtschlagen.“ (S. 352). „Auf den Tagesschausprecher Friedrichs bin ich nicht gut zu sprechen. „Geklaut ist geklaut!“ – war er es nicht, der mir diesen Spruch in der Wieser-Zeit in einer Sendung nachgeschleudert hatte? Hatte er das nötig?“ (S. 372). Bei Eberhard Fechner findet er den Satz: „Ich bin der Schnitt“, der ihm seinen Seelenfrieden wiedergibt. Aber am letzten Tag heißt es wieder: „Eine Frage bewegt mich in dieser Nacht: Wer war der Wieser-Denunziant? Es war eine Frau? Warum hat sie das getan? Und: wer hatte etwas davon?“ (S. 417)


Burn-Out
Die Revolution in der DDR kippt für ihn ins Kitschige um und geriet zum Rummel „Trotzdem: sehr ehrenwert.“ (S. 56). Später wird sogar prophezeit: „Kohl will auf Biegen und Brechen die Währungsunion. Wenn’s gut geht, dann wird’s ein neues Wirtschaftswunder geben, wenn nicht, kommen schlimme Zeiten, Steuererhöhungen, Geldverknappung, Arbeitslosigkeit.“ (S. 101). Und Kempowski ist definitiv für die Wiedervereinigung und nicht für irgendwelche Reden über eine Eigenständigkeit der DDR zu haben, wie sie aus den Protestgruppen der DDR oder SPD kommen. „Vor allem befriedigt es mich, daß die Kommunisten, diese Pest, dahin sind. Mit Mann und Maus!“ (S. 121). „Der real existierende Sozialismus ist ein einziger großer Schweinestall.“ (S. 215). Die Vorgänge in der DDR nimmt er aus den Medien wahr, wie die meisten anderen Deutschen auch. Er nimmt dafür oft die FAZ zur Hilfe. „Unsere Regierung versichert: Die Einheit kostet nichts, keine Bange, keine Steuererhöhungen. – In solchem Fall, finde ich, sollte man doch wohl Opfer fordern. Ich denke, daß sich die Deutschen die Vereinigung einiges kosten lassen würden, wenn man an sie appellierte.“ (S. 263). Später aber: „Schon gut, aber warum sollen wir bezahlen, was die vermurkst haben?“ (S. 303). Er bekommt die gereizte Stimmung zwischen Ost und West mit und empfindet eine gewisse Scham vor den Einheimischen wegen der Wessis und ihrer Besserwisserei. Er prophezeit die Minimierung der Zahl der Arbeitslosen im Jahr 2000. Er sieht das Vereinigungsfest im Fernsehen und freut sich über den Abschluß einer Epoche. „Was denken Sie in diesem Augenblick?“ – „Nichts.“ Ich habe mich schon zu lange über die giftigen Schaumschlägereien der Ideologen, denen wir Desaster, Armut und Teilung zuschreiben müssen, geärgert.“ (S. 313). Nie ein Versuch der Darstellung der Medien auf den Grund zu gehen. Die Devise heißt: geglaubt wie gesehen oder gelesen. Daher wenig Eigenes, aber Kommentare zu Aufgeschnapptem. Allerdings auch keine Verquastheiten oder aufgemotzten Tiefsinn.


Erinnern und Eidetik
Inzwischen aber laufen die Vorbereitungen für eine zweite Rostockreise: „Wir werden dort sechs Tage drehen.“ (S. 57) Nicht das Geschäft vergessen. Das Drehen konfrontiert ihn auf spezielle Weise mit seiner Vergangenheit: „Sehnsucht nach Heimat hat immer mit Gehemnissen zu tun. Wenn sie gelüftet sind, ist die Unschuld flöten gegangen. (...) Die Vergangenheit: ein zernarbtes, aber noch ziemlich intaktes Gemäuer, das ich gerne immer wieder durchforsche, wenn man mich in Ruhe läßt; die Gegenwart: Verhunzung;“ (S. 61). Und das Erinnern anderes funktioniert wie ein Film, findet er tragisch (S. 62) „Die Perversität, die Erinnerungen exhibitionistisch vor der Kamera zur Schau stellen zu wollen oder zu müssen, wird erträglicher durch die tatsächlich vorhandenen Gefühlsströme, die doch immer noch so stark sind, daß sie die Umstände vergessen lassen.“ (S. 67). Aber die Gefühlsströme sieht man nicht. Warum macht er’s dann?

Er vermißt Aufmerksamkeiten, „obwohl die Rostocker wissen, daß ich, der Tadellöser & Wolff-Mensch, heute hier im Hotel „Warnow“ absteige“ (S. 64). Nebbich. „Immer noch bewegt es mich, daß damals unsere gesamte sogenannte Habe gestohlen wurde“ (S. 67). „Ausgeleert, angewidert, beschämt, traurig.“ (S. 68) Er wird nicht zu den Rostoscker Kulturtagen eingeladen, dabei möchte er so gerne dazugehören. Eine Art Verstockung herrsche hier vor. Dabei wird gerade seine erste Lesung in Rostock ein großer Erfolg werden (S. 91). Allerdings steht in einem Presseschnipsel, die Menschen seien nicht so dicht gedrängt wie bei Siegfried Lenz erschienen. „Der Autor heißt Horst Krieg, diesem Menschen müßte man bei Gelegenheit mal eine runterhauen.“ (S. 99). Das sind bei Kempowski Gesprächsangebote. Später heißt es: „Eine dicke, sehr „gewöhnliche“ Mami sah ich, ihr Baby mit einer roten PDS-Fahne in der Hand über den Universitätsplatz schieben. In Gedanken hab’ ich sie wollüstig in den Arsch getreten, mehrmals.“ Rührseligkeit geht also mit vorgestellter Gewalt zusammen. Und weiter „Leider fallen einem drastische Methoden ein, wie sie auch die Polen an Deutschen praktiziert haben: Diese Typen einfangen und in der Altstadt die Trümmer der zusammengebrochenen Häuser wegräumen lassen? Wär das so verkehrt?“ (S. 193) „So in etwa mein Gespräch mit der Zickenfrau. Ich hätte ihr am liebsten in die Fahrradspeichen getreten.“ (S. 322). Er besucht – wieder mit TV im Troß - sein altes Gefängnis in Bautzen, findet keine wichtigen Spuren mehr (S. 163). „Haben wir etwas von dem Geheimnis zerstört?“ (S. 172). So bleiben wieder nur Erinnerungen. „Es ist die Frage, ob ich nicht auch Bautzen „verklärt“ habe im „Block“, zumindest „etwas“. Charly warf mir vor, ich hätte die Haftzeit durch eine rosarote Brille gesehen. Obwohl oder weil ich „eidetisch“ vorging, mich also möglichst auf „Bilder“ beschränkte, die unversehrt die Zeit überdauert hatten, mag eine Auslese getroffen sein, die dem Ernst der Lage nicht gerecht wurde. – Ich habe dann später durch „Ein Kapitel für sich“ diese Sicht zu korrigieren versucht. Man kann vergangene Leidenszeiten auch durch eine schwarze Brille sehen, und daran kranken die meisten Berichte über Haftzeiten“ (S. 296). „Aber man darf es nicht aussprechen, daß es auch angenehme Erinnerungen gibt an diese Zeit, selbst an den langen kalten Winter. Kein Mensch kann jahrelang ununterbrochen leiden. Da gibt es immer Atempausen.“ (S. 164). „Das Wiederauffrischen nachgedunkelter Bilder – das macht das Gehirn selbsttätig. Manches, was weg war, kehrt wieder und hellt sich auf, unbegreiflich, daß man es von sich gelassen hat. Anderes sinkt gottlob ab. Aber Vorsicht: Das lauert tückisch auf den geeigneten Augenblick.“ (S. 360). Klare Vorstellungsbilder erstehen als ob es einen leibhaftigen Sinneseindruck gegeben hätte, der ein Nachbild hinterläßt. Vor allem Kinder sind zur Eidetik veranlagt. Hier können beherrschbare, konkrete Anschauungsbilder aus der Phantasieanstrengung entstehen.  


Schriftsteller sind überflüssig
Vieles kommt im Tagebuch als bloßer Vorfall vor: Ihn stört das schlechte Benehmen von Pfarrerskindern, die ihm nicht Respekt erweisen, wie er auch gegen das Katheder-Christentum eingestellt ist. Er würde Dressurreiten gerne verbieten (S. 134) oder Museumspädagogik (S. 260). Verfilmungen werden abgelehnt, Hunde sterben. Kirchen werden besucht, Archivangelegenheiten besprochen. Seminare („Ein düsteres Kapitel der Erniedrigung“ S. 258) und Lesungen werden abgehalten. Volkslieder werden gesungen, und Terroristen werden gefaßt: „Warum freue ich mich darüber? Es war dies Auf-der-Nase-Herumtanzen, das mich als Bürger gestört hat. Daß sie einem ein X für ein U vormachen wollten. Und daß dem im Westen ganz allgemein noch zugestimmt wurde.“ (S. 222) Es gibt Reiseeinladungen. Und: „Keine deutsche Fernsehanstalt will den Bautzen-Film von Duyns übernehmen. Daß ich dort acht Jahre lang herumgesessen habe, interessiert niemanden.“ (S. 228) Warum denn auch? Besuche in Nartum, Oft sieht er Verhunzungen am Werk. „Das Latein als die eine gemeinsame Sprache in den Kirchen wird ja leider in jüngster Zeit abgeschafft. Ah – die edle Erhabenheit des „Veni sancte spiritus“. Soll das alles denn nur noch uns gehören? – Es verkommt zur Begleitmusik von Kulturfilmen. Was gibt es Großartigeres als die Traditionen des Christentums? So viel Wunderbares erwuchs daraus, Kathedralen, Bildwerke, Dichtung, Musik!“ (S. 213) Er hält Pellkartoffeln mit Quark für proletarisch, nicht dagegen Pellkartoffeln mit Butter und Salz (S. 243). Er redet mit Tieren (S. 245). Er sagt eine „Club 2“-Einladung ab: „Es ist heroisch, einen Fernsehauftritt abzusagen“ (S. 250). Immer ans Geschäft denken. Er kriegt Jammerbriefe, wird nicht zu Lesungen in Österreich eingeladen. Er findet, die Hochschularchitektur für Tobsüchtige gebaut und daß das Erotische in der Pädagogik fehle. „Vielleicht kann Pädagogik nur dort funktionieren, wo Mangel besteht.“ (S. 106). Dann hätte es in der DDR ja toll funktionieren müssen. „Menschen, bei denen gelegentliche Lockspeise nicht zündet, sind für höhere Bildung sowieso verloren. Man muß ihnen das vorenthalten, damit sie danach gieren.“ (S. 260). „Der Außendruck in der DDR-Diktatur war wohl die Ursache dafür, daß hier so viele noch intakte Familien existieren. Die Familie, bei der Hildegard wohnte zum Beispiel, sowas gibt es bei uns gar nicht mehr. Musizieren gemeinsam und so weiter. Spielen Theater. Wenn der Außendruck nachläßt, läuft alles auseinander.“ (S. 327). Und wieder: „Wißbegier kann nur aus Mangel entstehen.“ (S. 362). Der Kuwait-Krieg findet statt und die SU fällt in sich zusammen. Er macht eine Rundreise, wird beschimpft und findet eine Beule an seinem Auto vor. Er besucht Antiquariate, latscht durch sehr norddeutsche Dome. Er kritisiert das kurze Gedächtnis unserer Medien, besichtigt Bad Kreuznach und Gelnhausen. Er kommentiert die Medien, trifft auf undankbare Menschen, rettet einer Haselmaus das Leben. Der Spiegel will aus seinem Buch „Sirius“ vorabdrucken, das als Klatsch-Tagebuch bezeichnet wird. Buccerius soll Milliardär sein. Er geht in Talkshows, besucht Eisenach und Weimar, weint und wird nicht empfangen. Er nimmt Valium und Gelonida. Er geht wieder in Talkshows und erlebt eine ihn verhohnepiepelnde Frau Fendel. Er sieht Fernsehen und nächtigt in Landgasthöfen und beschwert sich über die Widrigkeiten des Reisens. Er bekommt einen Artikel der Zeitschrift Brigitte zurück mit der Bemerkung, daß er nicht den Erwartungen genüge. Es gäbe Menschen, die von hinten einen dummen Kopf hätten. Er sucht Agitprop-Kunst zum Sammeln. In Leipzig kommen zu seiner Lesung ganze neun Leute. „In Dresden war das Interesse an mir, wie in Leipzig, gleich Null.“ (S.382). Max von der Grün sei mehrfacher Millionär. Er singt Adventslieder, besucht das Stadtarchiv in Rostock, wo man vorsichtig ist mit dem Mann aus dem Westen. Das alles ist ausufernd belanglos, wird aber in einer jargonfreien Alltagssprache beschrieben, und derartige Zufälligkeiten können durch ihre Konkretheit bezaubern. Und so spiegelt sich wieder, was stimmte: die Kultur hatte bei der Wiedervereinigung keine kohäsive Kraft. Betriebsame Schriftsteller waren schlicht uninteressant für alle Beteiligten.


Die hochmütige Sucht nach Abgrenzung und Absetzung
Kempowski strebt nach Anerkennung wie kein anderer und will gehonigelt werden: „Es fehlt mir das Faszinosum. Wenn ich den Raum betrete, reden die Leute einfach weiter. Kein Mensch dreht sich nach mir um. Daß ich Bücher geschrieben habe, davon wissen sie überhaupt nichts.“ (S.105). „Mein Werk wird später wahrscheinlich auf den sattsam bekannten Satz „Wie isses nun bloß möglich!“ zusammenschrumpfen, und das ist für ein Menschenleben schon viel, analog zu „Ich weiß, daß ich nichts weiß“ (S.135). Und was wird von Böll bleiben, von Grass, von Frisch oder  Dürrenmatt? „Ich habe in dieser Hinsicht sowieso schon einen sonderbaren Ruf. „Zettelkastenfanatiker“ und „Buchhalter der Nation“, das reicht“ (S. 155). „Dazugehören, das ist wichtig. Falls ich aus Gründen der Qualität von Lesern abgelehnt werde, dann ist das zwar bedauerlich, aber ich muß das akzeptieren. Das Luftabschnüren aus außerliterarischen Gründen, wie ich es täglich erlebe, das ist hingegen nicht zu ertragen.“ (S. 180). Er fühlt Sympathie mit Syberberg, der auch boykottiert worden sei. („Mit Syberberg einen Club der Ungeküßten aufmachen.“ S. 290) Ich frage mich eher, ob Syberberg auch so oft von Idioten, Verrückten und Möchtegern-Schriftstellern angegangen worden ist wie Kempowski, der unbedarft darauf noch zeitaufwändig reagiert wie ein Einfaltspinsel. „Jedesmal, wenn das Haus von Besuchern bevölkert wird, denke ich, es muß doch möglich sein, in diese Menschenseelen einzudringen, ihnen näherzukommen, Kontakt herzustellen? (...) Die einzige Begegnung, die zwischen Leser und Autor möglich ist, ereignet sich beim Lesen. Weshalb also Menschen hier einlassen? Es ist sinnlos, aber ich tue es immer wieder, weil ich die Hoffnung nicht aufgebe: es könnte zu einem lebensändernden Erlebnis kommen. (...) Sie sind alle so unglaublich anders, aber in ihrem Verhalten ähneln sie einander.“ (S.283) „Ich wandle mich zum Nobody“ (S. 192). „Im Schloß Cecilienhof in Potsdam haben sich auf Einladung der Bertelsmann-Stiftung ost- und westdeutsche Schriftsteller getroffen. Christa Wolf, Heym, Jens natürlich und andere. Gottlob hat man mich nicht dazugebeten. Aber ein bißchen merkwürdig ist es schon, wie man mir meine Entscheidung abnimmt. – Bertelsmann? Ich gebe zu, daß mich schon seit Jahren die übergroße Aufmerksamkeit ärgert, mit der die Werke der Wolf bedacht werden.“ (S. 220). „Joachim Kaiser: Die Wolf sei eine unbegabte Ina Seidel.“ (S. 306). Wird er aber mal eingeladen, dann klappt es auch nicht: „Brief vom Bundesverband deutscher Autoren: ob ich an einer Diskussion teilnehmen will über die Lage der Literatur, die durch die Ost-West-Veränderungen entstanden ist. Meichsner, Zielinski, Mueller, Erpf, Lutz Rathenow, Waldemar Weber (Moskau). Ich kann sowas nicht. Gott sei Dank klappt es „terminlich“ nicht.“ (S. 262). „Erich Böhme hat mich ausgeladen, obwohl ich für das Gespräch mit Lafontaine bereits den Terminkalender freigeräumt hatte. Man hat Plenzdorf statt meiner gebeten. Ich bin froh darüber, das hätte mich doch nur aufgeregt. Und was habe ich schon groß zu bieten? Ich bin Schriftsteller, kein Politiker“ (S.304). Walter Jens „sollte sich mal auf die Couch legen und gründlich untersuchen lassen. An ihm ist zu demonstrieren, daß Wissen nicht gleich Urteilsfähigkeit ist.“ (S. 251). Er ekelt sich vor dem sonderbaren Gaus und Markus Wolf (S.262). „Das große Wort führte Carola Stern. Wie diese Leute das immer hinkriegen. Als Mensch mit ihrer Vergangenheit hätte ihr von jeher Schweigen gut angestanden. Mußte sie denn ausgerechnet Schriftstellerin werden? Es gibt doch noch andere ehrenwerte Berufe. Steuerberater zum Beispiel. Gegen NS-Vergangenheit und Rotlichtbestahlung eines Steuerberaters ist nichts einzuwenden.“ (S. 267). Er liest Kantorowicz mit seinen bissigen Bemerkungen gegen Erika Mann, Abusch, Langhoff, der „herzenskalten Seghers“ (S. 334). Sah er sich von Journalisten als liberaler Scheißer abgestempelt, so sei er jetzt „ein Konservativer, das heißt ein rechtes Schwein. Denk zu Tankred Dorst: „Wie kommt es eigentlich, daß Kempowski von der Kritik so schlecht behandelt wird?“ Dorst: „Er hat in Bautzen gesessen.“ (S.344). Kollegen werden danach eingeteilt, wie er sich von ihnen behandelt gefühlt hat, wohlgesonnen (S. 96), sympathisch (S. 253) oder stehengelassen (S. 200), ungehörig (S. 222), gehässig (S. 121) und geschnitten (S. 202), mit Wutanfällen oder sonderbar (S. 257), freundlich-listig (S.298), versehen mit Mundgeruch und Rederitis (S.309), wie unter Pillen stehend (S. 349), abwehrend (S. 389). Peter Schütt, der Geld „von drüben“ genommen habe, erstaunt ihn durch die „Frechheit, mit der diese Leute uns in den Sechzigern/Siebzigern Revolution vorgespielt haben!“ (S. 221). „Immer diese Ängste, daß ich nicht bedient werde. Wo ich mich zeige, liegt Mobbing in der Luft.“ (S. 122). Aber warum? „Bissinger. Er stand neben Duve. Ich kann mich nicht aufraffen nachzusehen, was er früher so getan und gesagt hat. Ich glaube: Schlimmes?“ (S.309). So fängt man das Mobbing an, mit Herablassung. „Bienek geht es sehr schlecht, Aids? (...) Als Autor konnte ich nichts mit ihm anfangen, etwas dünn im ganzen. Er will jetzt auch eine Trilogie schreiben, hat er mal gesagt; als ob ihm das zusteht.“ (S.396). Mach’ mal ‚nen Unterschied. Solche Distinktionsgedanken pflegte das dekadente wilhelminische Bürgertum.


Entlastung und Aufruf
Gefangen von der eifrigen Arbeit an den Büchern „Sirius“ und „Echolot“ ist sein Alltag, das im Tagebuch auftaucht, auch eine Form der Entlastung. Über „Sirius“, während er seinem Lebensbuch die rechte Form verpaßt, schreibt er: „Das da, was auf dem Tisch liegt, ist das eine; das was hinter mir liegt und was ich in mir verwahrt habe, das andere. Wenn es gelänge, in den Lesern ein Gefühl für die eigne Vergangenheit aufzurufen, wäre nicht alles vergebens gewesen.“ (S. 186).


Im Munde geführte Hochkultur
Ich habe mir manchmal gedacht, was denkt der Mensch bloß? Hat er nichts anderes zu denken? Wenn er seine Betrachtungen über Kollegen, unangenehme Zeitgenossen oder Politik streichen würde, dann hätte er Platz für wichtige Gedanken zu Kultur. Noch mehr Platz hätte er, wenn er fruchtlose Lesungen – können seine Leser nicht selber lesen? – Treffen mit Kollegen oder Dozentendienste und Ehrenpflichten ganz unterließe.Was soll die Zeitvergeudung? Und was soll das TV-Glotzen von doofen Filmen? Auch der Hausbesitz bringt fruchtlose Arbeit mit sich. Aber Kempowski gehört nicht zur Intellektuaille. Er regt sich auf wie die meisten seiner Deutschen, fühlt wie sie und denkt angesichts zerstörter Innenstädte in der DDR wie sie. Wir sehen keine Seelenerziehung, keinen Adel des Geistes. Es scheinen diejenigen keine Hochkultur zu haben, die davon schwätzen. Und nur andere haben Aufbauphantasien wie Paul Raabe und viele andere. Er nicht.

Er habe bei der Einführung in die Notenschrift einen verblüffenden Trick, den nur er beherrsche (S. 236). Ob er ihn uns verrät?




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