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Michael Schulte ist aufgewachsen im kleinbürgerlichen Milieu mit einer mißtrauischen und streitlustigen Mutter und einem gymnastikversessenen, soldatisch straffen Vater, der gerne alte Kunst kopierte und aquarellierte. Kein Wunder, daß Schulte sich an Jean Paul ein Beispiel nahm – einem hintergründig humoristischen Gegengift zu Goethe und Schiller -, also Schriftsteller wurde und damit auch noch seinen Lebensunterhalt bestreitet. Aber Michael Schulte ist auch noch folgerichtig Individualist geworden, der Randexistenzen der Gesellschaft anzieht. Deshalb kann er vergnügliche Anekdoten an reflektierende Anekdoten reihen, die wirklich komisch und lesenswert sind. Wir erhalten Einblick in das Leben des normalen, fleißigen Schriftstellers und seiner Freunde und Bekannten wie Lothar Baier, Wolf Wondratscheck, Ulrich Raschke, Didi Segebrecht, H. C. Artmann, John Cage, Jörg Fauser, Albert Vigoleis Thelen, die Rixdorfer, Oskar Huth bis hin zu Luggi Lugmeier (dessen neues Buch gerade beim Antje Kunstmann Verlag erschienen ist). Wir lesen keine Idyllen, sondern Szenen der Zerbrechlichkeit, des isolierten Ichs, das trotz alledem zuversichtlich ist und sich über sich selbst amüsieren kann. Wir erfahren melancholische Details über ein romantisches Gemüt, das haltlos sein kann oder im Zustand der Verlegenheit ist. Michael Schulte ist im besten Sinne heimatlos und er verfügt über keine sinnlosen Bindungen an Dinge oder Menschen. Er ist auch der einzige, den ich kenne, der ohne jedes Bedauern seine Bibliothek verkauft hat. Nun hätte Michael Schulte zwar gerne an anderen Orten und zu anderen Zeiten gelebt, aber stattdessen musste er vierzigmal umziehen und auch die USA hat er zahlreich mit seiner Anwesenheit beehrt. Seine Episoden behandeln diesmal sein Leben, seine Kindheit und Jugend, sein Aufenthalt als Austauschschüler in den USA, Studienzeit in Göttingen, die RAF in seiner Wohnung, sein Wirken als Kneipier in Bisbee, Arizona und Kneipen in Göttingen, Frankfurt und München, sein Leben in New York und anderswo, eben überall dort, wo Bierwärmer inzwischen verboten sind. Groteskes und Banales sind nebeneinander kabarettistisch verbunden: Das Leben muß nicht immer das Bestreben sein Energie in Ordnung zu verwandeln. Michael Schulte, Ich freu mich schon auf die Hölle. Szenen aus meinem Leben. 243 S. Wien: Picus Verlag 2005. € 19,90.-
Ich habe Michael Schulte zum ersten Mal auf der Leopoldstrasse gesehen. Der Kleinschriftsteller und Freund von Ulrich Raschke, Heinz Jacobi, hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. Aber Schulte war in Begleitung einer blonden Schönheit mit der er ins Kino gehen wollte. Da hatte er natürlich keine Zeit für uns. Jedenfalls erfuhr ich, dass er die Werke von Karl Valentin für den Piper-Verlag edierte. Und Heinz und ich gingen danach zum Weinbauern, wo er mir unter Mengen von Bier vieles über seine Frankfurter Erlebnisse mit Raschke, Segebrecht und anderen erzählte, um mir klarzumachen, dass Schriftsteller-werden, materielle Armut und Scheitern, Schriftsteller-sein und Freitod wohl zusammengehörten. Und deshalb schätze ich es mit wieviel Zurückhaltung, Dezenz und Delikatesse Michael Schulte seine intimen Erfahrungen so diskret beschreibt, dass Voyerismus, Boshaftigkeit oder absichtsvollem Mißverstehen keinerlei Chance erhält.
Jahre später ergatterte ich ein Bertelsmann-Stipendium für ein Schriftsteller-Seminar und landete im Europäischen Übersetzer-Kolloqium in Straelen an der belgischen Grenze. Und dort traf ich auf Michael Schulte, der anschließend nach Hamburg wollte. Wir tranken den ganzen Abend bis in die Frühe merkwürdigen Rotwein, den die Bertelsmänner spendiert hatten. Jedenfalls amüsierte ich mich prächtig. Am nächsten morgen musste ich den Texten und Tiraden des eventgeübten Blenders und Germanisten Matze Politicky anhören und traf während des professionellen Auftritts vom geblähten Schriftsteller den Entschluß, kein Schriftsteller zu werden und keine Kurzgeschichten mehr zu veröffentlichen. Daran habe ich mich bis heute gehalten. Aber Michael Schulte war die ganze Zeit fleissig und hat ein wundervolles Buch an das andere gereiht, die von mir sehr empfohlen werden. Er ragt aus der Dichtung der Vagabunden wie Peter Hille oder Jan Jacob Haringer heraus, weil er von der Beständigkeit und Weisheit eines aufregenden Lebens überzeugt ist. Wenn Sie jemanden auf intelligente Weise ein Lächeln aufs Gesicht zaubern wollen, dann verschenken Sie die Bücher von Michael Schulte. |