Home arrow Bookwatch arrow Ein Heilmittel gegen christliche Besinnlichkeit

Verwandte Artikel

Besucher: 369727
Ein Heilmittel gegen christliche Besinnlichkeit PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Eckart Menzler-Trott   
03.12.2005
Lesen ist Gymnastik für die Seele, schrieb Robert Walser. Und die haben wir angesichts der christlichen Ideologie in der Vorweihnachtszeit wahrlich nötig. Unklar ist, wann Jesus Christus überhaupt geboren wurde. Ebenso unklar sind heutzutage die Linien einer klugen und richtigen Lebensführung. Jeder fragt sich aufs Neue: Was ist ein richtiges, gerechtes Leben? Was ist überhaupt Glück? Was müssen wir tun, wie dürfen wir handeln? Wie können wir mit den Rückschlägen des Lebens am besten umgehen? Was sind wir unseren Mitmenschen schuldig?

Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat in Zusammenarbeit mit dem C.H. Beck Verlag eine Auswahl der Klassiker des erfolgreichen, geglückten Lebens vorgelegt, die beispielhaft und verständlich uns in Prinzipien der Lebensklugheit und Weisheit einführen und lehren. Sie dienen uns weniger als Ratgeber für die Einübung von beherrschbaren Verhaltensregeln denn als Inspiration zum eigenen Nachdenken.

Kleine Bibliothek der Weltweisheit in zwölf Bänden. 2005. München: dtv Verlag. Je € 6.-, Einzeln erhältlich. Mit tiefgeprägten Buchtiteln. Buchkunst von David Pearson.

Warum sollte man sich besinnen? Weil leider oft noch gilt, was Dieter Bartetzko schrieb: „Man muß leben – mit dieser Formel setzen wir uns täglich über Menschen hinweg, über Anstand, Loyalität, Gefühle. Diesem brutalen Vorgehen geben wir Namen wie Geschick, Gegebenheit, Sachzwang oder – Liebe ... Nicht zurückschauen auf das, was man getan hat, sondern stur nach vorn, wird ... empfohlen, denn „der Erfolg entscheidet“. Dies gilt auch für unsere Erfolge, deren rigides Durchsetzen wir mit den Forderungen des Tages, der Umstände, des Berufs oder der Liebe begründen. Würden wir zurückschauen, sähen wir die Leichen, die unseren Weg übersehen.“ Es geht also nicht um Höflichkeit oder Etikette, sondern um unsere Persönlichkeit und Lebensgestaltung, und damit verbunden das Sozialverhalten gegenüber Mitmenschen und Gesellschaft.

Welches sind die einzelnen Bände der „Kleinen Bibliothek der Weltweisheit“ und was wird in ihnen verhandelt?

Boethius, Trost der Philosophie. Gibt es einen Gott, woher das Übel? Gibt es keinen, woher das Gute? Übersetzt von Ernst Gegenschatz und Olof Gigon. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Kurt Flasch. – Der Römer Boethius, Mathematiker und Philosoph, verfasste diese Schrift im Gefängnis vor seiner Hinrichtung. Boethius war Christ, doch suchte er Trost und Hoffnung in der philosophischen Tradition der Antike, ehe sie der christlichen Welterklärung weichen muß.

Die Reden des Buddha. Was zum Frieden und zur Erleuchtung dient, hat der Buddha die Seinen gelehrt. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Helwig Schmidt-Glintzer. – Diese ältesten Texte der buddhistischen Überlieferung wurden teils schon zu Lebzeiten des „Erleuchteten“, teils kurz nach seinem Tode um 480 vor Christus in ihrem Wortlaut festgelegt und enthalten die Kernstücke seiner sanften Lehre. Der Heilsweg des Buddha ist ein Weg zur Weisheit und zur Erlösung des Einzelnen. Am Anfang der Lehre stand die Einsicht, daß die Welt in ihrer Vergänglichkeit ein Ort des Leidens sei. Die Lehrtätigkeit des Buddha erfolgte aus unendlichem Mitleid, um Wege aus dem Kreislauf des Leidens zu finden, in dem alle Lebewesen durch ihre Unwissenheit gefangen sind.

Epiktet, Das Buch vom geglückten Leben. Du willst Philosoph sein, mach dich darauf gefaßt, daß man dich auslacht. Aus dem Griechischen von Carl Conz. Bearbeitet und mit einem Nachwort von Bernhard Zimmermann.  – Der Stoiker Epiktet hat folgende Kernüberlegung: Seinen Geist soll der Mensch dazu gebrauchen, um zu Erkenntnis zu gelangen. Diese besteht nicht zuletzt darin, die Fragwürdigkeit des den Menschen umgebenden Wertesystems zu durchschauen und sich von den damit verbundenen falschen Vorstellungen zu befreien. Hat der Mensch erst einmal erkannt, was ihn innerlich versklavt, wie er diesen Zustand überwindet und welche Übungen der Seele ihm die wahre Freiheit bringen, so kann ihn nichts und niemand mehr hindern, sein Glück auf Erden zu finden.

Balthasar Gracian, Handorakel und Kunst der Weltklugheit. Herz und Kopf – die beiden Pole der Sonne unserer Fähigkeiten. Eines ohne das andere – halbes Glück. Aus dessen Werke gezogen von D. Vincencio Juan de Lastanosa und aus dem spanischen Original treu und sorgfältig übersetzt von Arthur Schopenhauer. Mit einem Nachwort von Werner Koppenfels. – Diese Lebenslehre von 1647 enthält 300 Weisheiten, Maximen und praktische Verhaltensregeln, mit denen der spanische Jesuitenpater zur Erkenntnis des guten Geschmacks und zum Bewußtsein der Welt-Klugheit auffordert.

Hildegard von Bingen, Über die Liebe. Erkennt der Mensch aber die Freude, die ihm von einem anderen entgegenkommt, dann empfindet er in seinem Herzen ein großes Entzücken. Denn dann erinnert sich die Seele, wie sie von Gott geschaffen ist. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Peter Dinzelbacher. – Die wichtigsten Gedanken der Seherin und Mystikerin Hildegard von Bingens zu „caritas“ und „amor“ sind hier versammelt.  

Konfuzius, Gespräche Lun-yü. Weisheit macht frei von Zweifeln. Sittlichkeit macht frei von Leid. Entschlossenheit macht frei von Furcht. Aus dem Chinesischen von Richard Wilhelm. Mit einem Nachwort von Hans van Ess. – Der Mensch kann im rechten Verhalten die Harmonie mit der ewigen Weltordnung erreichen. Dieses Verhalten zur Selbstkultivierung besteht in der Treue gegen sich und andere, in Selbstlosigkeit, Menschlichkeit, Rechtschaffenheit, Schicklichkeit, Weisheit und Aufrichtigkeit.

Laotse, Tao te king. Das Buch vom Sinn und Leben. Wer in seiner Person die Welt liebt, dem kann man wohl die Welt übergeben. Aus dem Chinesischen von Richard Wilhelm. Mit einem Nachwort von Heiner Roetz. – Der „Berufene“ lebt im Einklang mit dem Tao, dem Sein, dem „Sinn“ des Universums,  indem er „nicht handelt“ und sich vom weltlichen Wirken fernhält.

Michel de Montaigne, Von der Freundschaft. Nichts ist so voll und ganz das Werk unsres freien Willens wie Zuneigung und Freundschaft. Aus dem Französischen von Herbert Lüthy. Mit einem Nachwort von Uwe Schultz. – Worauf kann sich der Mensch verlassen, der auf dieser Welt und nicht in einer anderen Halt sucht? Nicht Verrat und Betrug, sondern Vertrauen, Verlässlichkeit und Dauer sind die Basis von Freundschaften. Der Aufklärer und Skeptiker Montaigne zeigt den Menschen in seinen Tugenden und Schwächen, ohne ihn jedoch auf eine bestimmte Moral zu verpflichten.

Friedrich Nietzsche, Ecce Homo. Wie man wird, was man ist. Ich kenne mein Loos. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, - an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab. Mit einem Nachwort von Volker Gerhardt. – Nietzsches philosophische Autobiographie zeigt beispielhaft das Ringen des Philosophen mit dem eigenen Schicksal und seiner Deutung. Nietzsche polemisiert darin heftig gegen Moral, Seele, Geist, freien Willen und Gott. Er riskiert Anmaßungen, die wir einem Weisen für gewöhnlich nicht zubilligen. Und er betreibt eine radikale Selbsterkenntnis gemäß der Maxime, die er schon als junger Mann seinem Leben vorangestellt hatte: „Setze dir hohe Ziele und gehe daran zugrunde.“ Sein Buch der Weisheit verkündet eine Weisheit, zu der es gehört, daß sie niemals schon gefunden, sondern immer erst zu suchen ist.

Arthur Schopenhauer, Über das Mitleid. Das Mitleid hebt die Mauer zwischen du und ich auf. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Franco Volpi. – Schopenhauer kommt zu dem Schluss, dass nur Mitleid und Identifikation mit dem anderen moralisches Handeln bewirken und die Menschen über ihre egoistischen Ziele hinaus vereinen kann. Mitleid ist das Fundament der Menschenliebe, der Gerechtigkeit und Ethik. Es schließt die Liebe zu den Tieren ein und ist natürliche, uneigennützige und allein moralische Triebfeder ethischen Handelns und damit Basis jeder Tugend.

Seneca, Von der Kürze des Lebens. Das Leben ist lang, wenn du es zu gebrauchen verstehst. Aus dem Lateinischen von Otto Apelt. Mit einem Nachwort von Christoph Horn. – Wir verkennen den Wert der Zeit und sorgen selbst dafür, dass sie uns zu kurz erscheint, weil wir nicht zur Ruhe kommen, sondern durch Vielbeschäftigung unsere Zeit verschwenden. Wer einmal gelernt hat, sein Leben „nach vorne“ zu leben und jeden einzelnen Tag so zu nutzen, als wäre es der letzte, wer mit seiner Zeit achtsam umgeht und dieses kostbare Gut nicht für oberflächliche Ziele verschwendet, für den ist die Lebenszeit „lang genug“. Wenn wir das Wesen der Zeit verstanden haben, dann haben wir den wichtigsten Schritt zu einer gelingenden Lebensführung getan.

Voltaire, Candide oder der Optimismus. Wenn dies die beste aller möglichen Welten ist, wie sind dann bloss die anderen? Aus dem Französischen von Ilse Lehmann. Mit einem Nachwort von Harald Weinreich. – In dieser Romansatire kritisiert Voltaire das optimistische Weltbild von G. W. Leibniz. Der gutgläubige Candide hat seinem Lehrer Pangloß allzu leichtfertig geglaubt, dass die Welt absolut gut sei und alles Geschehen „in der besten aller möglichen Welten“ (Leibniz) unausweichlich zu einem guten Ende führen werde. Er wird eines besseren belehrt und lernt bei seinen abenteuerlichen Reisen Machtgier, Grausamkeit und Krankheit kennen. Voltaire entlarvt Utopien, Heilslehren und jedes Paradies auf Erden als Illusion.




Weitere Artikel: