Markus Knapp, Theo Kobusch (Hg.), Querdenker. Visionäre und Außenseiter in Philosophie und Theologie. 299 S. € 42,90.- Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2005 Bearbeitet wurden innerhalb einer Ringvorlesung an der Ruhr-Universität Bochum: Jeremia, Diogenes von Sinope, Gnosis, Origines und Plotin, Arius, Pelagius, Johannes Scottus Eriugena, Siger von Brabant, Petrus Johannes Olivi, Marguerite Porete, Raimundus Lullus, Giordano Bruno, Jacob Böhme, John Toland, Johann Georg Hamann, Georg Christoph Lichtenberg, Franz Xaver von Baader, Maine de Biran, Ralph Waldo Emerson, Max Stirner, Franz Overbeck, Maurice Blondel, Gustav Landauer, Simone Weil, Georges Bataille.
Ein Querdenker unterscheidet sich von den „Kleinen Philosophen“ indem er nicht die Lektüre der großen Philosophen. Theologen oder Meisterdenkers voraussetzt, sondern mit Inhalt und Darstellungsweise seines Denkens alleine bestehen kann. Wir wollen aus diesem sehr empfehlenswerten Buch zwei eigenständige, eigensinnige und originelle, aber unterschiedliche Denker herausgreifen: Christoph Georg Lichtenberg, leuchtendes Symbol der Aufklärung, und Johann Georg Hamann, manchen leider noch immer ein dunkles Symbol der Gegenaufklärung und Irrationalismus. Beide sind durch ihre Aphorismen bekannt, aber beide sind höchst unterschiedliche Denker.
„Man muß etwas Neues machen, um etwas Neues zu sehen“
Lichtenberg (1742-1799), bei uns eher bekannt durch seine literarische Produktion wie die Sudelbücher oder die Erklärungen zu Hogarths Stichen denn durch seine naturwissenschaftliche Forschungen und Vorlesungen, wird uns vorgestellt von Frau Christiane Schildknecht. Der Physiker
„(...) das Verlassen eingefahrener und das Betreten neuer, analogen Zusammenhängen verpflichteter Wege – beides Verfahren, wie sie für Querdenker, Außenseiter und Ketzer typisch sind – (ist) geradezu Programm des Naturforschers. Wegweisend für seine Methode der Abweichung ist dabei der Begriff des Paradigmas, mit dem Lichtenberg den modernen Isomorphiebegriff vorwegnimmt. (...) Heuristisch ergänzt wird die paradigmatische Struktur der wissenschaftlichen Methode durch zwei weitere auf Anti-Systematik und Offenheit zielende Komponenten: das Experiment und die Hypothese. (...) Gleichzeitig gilt jedoch: „Man sollte die widersprechenden Erfahrungen besonders niederlegen, bis sie sich hinlänglich angehäuft haben um es der Mühe wert zu machen, ein neues Gebäude aufzuführen.“ (Lichtenberg) Der Falsifikationismus von Theorien durch widersprechende Erfahrungen bedeutet auch, daß Wissenschaft über einen hypothetischen Status nicht hinauskommt. Mutmaßungen und Vorstellungen haben nur einen Sinn innerhalb von empirischen Überprüfungen. „Wo die Rückbindung der Theoriebildung an die Erfahrung, die Überprüfung etwaiger Hypothesen anhand von Experimenten nicht gewährleistet ist, droht vernunftbasierte Wissensbildung abzugleiten in metaphysische Spekulation“. Der Philosoph
Lichtenberg weist „keine nach systematischen Gesichtspunkten als Lehre zu bezeichnende philosophische Position auf“. Er sei aber alles andere als eine Randfigur. „Dagegen sprechen allein schon die zentralen Themen, die er auf die ihm eigene unsystematische Weise diskutiert und die ihn zu einem philosophischen Wegbereiter par excellence machen: Außenweltproblematik, Leib-Seele-Dualismus bzw. Ich-Begriff und Sprache.“ Lichtenbergs Grundthema der Philosophie sei Sprachkritik. „Der Begriff der Subjektivität bezeichnet eine weitere zentrale Komponente des Philosophieverständnisses Lichtenbergs. So wie der Naturforscher Lichtenberg das Augenmerk auf die natürlichen Phänomene in ihrer Besonderheit legt, so ist es analog dazu für den Philosophen die Individualität des philosophischen Subjekts, die seinen Philosophiebegriff konstitutiert. Entsprechend erscheinen die die naturwissenschaftlichen Überlegungen leitenden methodologischen Termini der Beobachtung, des Experiments und des Common sense in den philosophischen Reflexionen in subjektiv gefärbter Form als Selbstbeobachtung, Gedankenexperiment und praktische Vernunft. Das Mikroskop, das dem Naturforscher zur Erkenntnis der Dinge der Außenwelt dient, richtet Lichtenberg in seinen Südelbüchern nun auf sich selbst.“ Lichtenbergs Sprachktitik liegt in der Berichtigung der natürlichen Sprache: „Unsere ganze Philosophie ist Berichtigung des Sprachgebrauchs, also, die Berichtigung einer Philosophie und zwar der allgemeinsten.“ Wahr Philosophie wird immer in der falschen Sprache gelehrt. Die Vorstellung von einer Sprache, „worin man eine Falschheit gar nicht sagen könne oder wo wenigstens jeder Schnitzer gegen die Wahrheit auch ein Grammaticalischer wäre“ (Lichtenberg) ist zwar vergebens, aber diesem Indeal nähert er sich durch Sprachkritik. Lichtenbergs Philosophie ist von Irrtum, Skepsis und Kritik geprägt. Dabei gibt es keine systematische Welterklärung, sondern die Weltsicht setzt sich aus einer Vielzahl von Perspektiven und Gesichtspunkten zusammen. Dabei kommen auch vorsprachliche Erkenntnisphänomene zu ihrem Recht: „Der erste Blick, den ich im geist auf eine Sache tue, ist sehr wichtig. Unser Geist übersieht die Sache dunkel von allen Seiten, welches mir oft mehr wert ist, als die deutliche Vorstellung von einer einzigen.“ Die Darstellungsform In der Analyse von Lichtenbergs aphoristischem Werk führt uns Christiane Schildknecht unmerklich in ihre Theorie der Nichtpropositionalität von Wissen ein. Propositionales Wissen ist gekennzeichnet durch Sätze, die wahrheitsfähig sind, indem sie sagen, dass etwas p ist. Wahrheitsfähige Sätze oder Satzsysteme müssen klar unterschieden, objektiv, zeitlos und abstrakt sein. Diese Sätze sind begrifflich strukturiert. Diese Sätze werden als Behauptung, Urteil oder Beschreibung dargestellt. Diese Sätze können in Folgerungsbeziehungen, in Schlüssen miteinander stehen. Der Logiker Gottlob Frege steht für die Ausarbeitung und Verteidigung des propositionalen Wissens. Was aber soll das allgemeinere, umfassendere, antisystematische, nichtpropositionale Wissen sein? Es besteht beispielsweise in praktischem Wissen, wie etwas gemacht wird. Unsagbares wird im Sprachmodus „Zeigen“ dargestellt. Es besteht in Zuständen von Intuition oder in Introspektion. Es besteht im Wissen um geistige Zustände wie Selbstbewußtsein. Und um Prozesse der Wahrnehmung und das Wissen darum. Linguistisch äussert sich das in Paradoxien, Metaphern, Eigennamen und logisch unverbindlichen Bildern, Konjunktive, Analogien, Allegorien und Aphorismen. Nichtpropositionales Wissen äußert sich auch in Definitionen als Voraussetzung für begriffliche Strukturen (der Propositionalisierung nichtpropositionalen Wissens). Der Begriff von bislang unsystematisch erschlossenen Nicht-propositionalem Wissen krankt daran, daß er sich vom wissenschaftlichen begrifflichen theoretischen Wissen bislang nur negativ abgrenzt (Eine positive Erforschung versucht Christiane Schildknecht in ihrem ertragreichen Buch „Sense and Self. Perspectives on Nonpropositionality. Paderborn: mentis Verlag 2002).
Subjektivität, Sprache und Skepsis sind aber auch die drei Grundpfeiler des von G. Chr. Lichtenberg völlig verschiedenem J. G. Hamann.
„Weisheit im Widerspruch“
Was ist nun mit J. G. Hamann, der von Johannes von Lüpke vorgestellt wird? Er ist zwar als Theologe und Philologe unabhängig zu legen, jedoch als Philosoph legt er sich mit Kant an und bezieht sich auf seine „Kritik der reinen Vernunft“. Hamann wohnt wie Herder und Kant in Königsberg / Ostpreussen. Er steht in Opposition zur Zentralgewalt in Berlin, verhöhnt das Preussentum und lebt hart am Rande einer bürgerlichen Existenz. Herder sammelt die Lieder derjenigen, die durch den Deutschen Orden ausgerottet wurden und ist immer in Konflikt mit der eigenen Kolonialgeschichte. Kant fragt sich wie der mannigfaltigen Wirklichkeit ein diese formierendes Verarbeiten durch das transzendentale Subjekt entgegengesetzt werden kann (Klaus Heinrich, Kritik am Transzendentalismus, erscheint in den Dahlemer Vorlesungen im Verlag Stroemfeld). Dadurch will Kant einen egalitären Verstandesgebrauch durchsetzen. J. G. Hamann bekämpft Kants „transzendentales Subjekt“ als ein verkümmertes, vor echter Erfahrung, Anschauung und Einbildungskraft geschütztes und zugerichtetes Subjekt. Er will einerseits die Realität, die Körperlichkeit, die Sprache wesentlich machen und andererseits die Abhängigkeit des Menschen vom Schöpfer, von Gott als Kernpunkt einer Theologie des Kreuzes kenntlich machen. Auch Karl Philipp Moritz, ebenfalls aus kleinen Verhältnissen stammend, kennzeichnet in seiner Götterlehre von 1791 die Mythologie der Alten als eine Tätigkeit der Phantasie, die Begrifflichkeit vermeidet, weil diese das freie Spiel in einen Zwangsmechanismus presst. Für die Phantasie kämpft auch Jean Paul in seiner „Vorschule zur Ästhetik“. Gegen den Kantschen Zwangsmechanismus setzt Hamann die Sprache und das Wort, die Körperlichkeit und Leib, die Geschichte und den Glauben und die Individualität des sinnlichen Individuums. Wir wollen anhand ein paar Zitaten aus fünf Kapiteln Johannes von Lüpkes Vortrag vorstellen:
Hamann (1730 – 1788) als Denker am Rande
Hamann kritisierte die Berliner Aufklärung von der Stadt Königsberg her, wo er Kant und Hippel wohnten. Die Berliner Aufklärer waren Nicolai, Mendelssohn, Teller, Spalding, Zöllner, Eberhard, Steinbart und Jerusalem.
Hamann in seiner Zeit
„Zwischen dem Verlassen der Universität (1752) und dem Eintritt in den Dienst der Zollverwaltung (1767) liegen mehrere Versuche, die alle mehr oder weniger vom Scheitern gezeichnet sind. Hamann versucht sich als Hofmeister (Hauslehrer) in Livland (1752-1756), als kaufmännischer Mitarbeiter im Rigaer Handelshaus Berens (1756-1758), als freier Mitarbeiter an den „Königsbergschen Gelehrten und Politischen Zeitungen“ (1759-1764). Er unternimmt Reisen, insbes. Eine Geschäftsreise nach London, wo sich im jahre 1758 seine sogenannte Bekehrung ereignet, und eine längere Deutschlandreise mit Stationen in Lübeck, Frankfurt/M., Leipzig und Berlin, die zu Begegnungen u.a. mit Friedrich Carl von Moser sowie mit Moses Mendelssohn führt. 1767 nach Königsberg zurückgekehrt, lebt er mit Anna Regina Schuhmacher, die 1762 als Köchin in das Haus seines Vaters eingetreten war, zusammen, ohne diese Verbindung, der vier Kinder entstammen, durch eine förmliche Eheschließung zu legalisieren. In seiner beruflichen Laufbahn ist er über die Positionen zunächst des Sekretärs, Übersetzers und später (ab 1777) des Packhofverwalters im Dienst der Königsberger Zollbehörde nicht hinausgekommen.“ Die berufliche Tätigkeit gewährte ihm jedoch genügend Zeit für seine Lieblingsbeschäftigung, das Lesen. „Nach zwei Jahrzehnten relativer Stabilität in der beruflichen Tätigkeit als ‚Zöllner’ bricht Hamann schließlich im Sommer 1787 zu seiner letzten Reise auf. Diese führt nach Pempelfort bei Düsseldorf zu Friedrich heinrich Jacobi, zu dem sich schon seit 1782 ein lebhafter philosophischer Briefwechsel entwickelt hatte, und zuletzt nach Münster zur Fürstin Galitzin und ihrem Kreis. Dort stirbt Hamann am 21. Juni 1788 im Haus von Franz Kaspar Bucholtz.“ Hamann ist durch eine ausgedehnte Korrespondenz mit den Größen seiner Zeit verbunden. „Zum Königsberger Gespräch mit Immanuel Kant, mit dem gemeinsam er 1759 eine Physik für Kinder schreiben will und auf dessen „Kritik der reinen Verbunft“ von 1781 er mit einer „Metakritik über den Purismum der Vernunft“ zu antworten sucht, kommt das Gespräch mit Herder, das in Königsberg, während der Studentenzeit Herders begonnen, in einen Briefwechsel zwischen Königsberg und Weimar fortgesetzt worden ist. Ebenso anregend wie kritisch begleitend nimmt Hamann Anteil an den Debatten über den Ursprung der Sprache sowie über Grundlagen der Anthropologie und Geschichtsphilosophie. (...) Hamanns Individualität sperrt sich dagegen, in eine geistesgeschichtliche Bewegung eingeordnet zu werden.“ Konstellationen der biblischen Geschichte
Hamann sieht in der Bibel „nicht so sehr die Erkenntnis ewiger Wahrheiten, die unabhängig von zeitlicher und räumlicher Besonderheit zu gelten beanspruchen (...); vielmehr spricht das Wort in die geschichtliche Wirklichkeit des Menschen hinein, um in einer je bestimmten zeit und an einem je bestimmten Ort zu Unterscheidungen, zur Selbsterkenntnis durch Kritik hindurch zu rufen. (...) In solcher Konzentration auf geschichtliche Partikularität (...), widersetzt sich der „Magus in Norden“ dem Hauptstrom der zeitgenössischen Aufklärung, sofern diese hier lediglich ‚zufällige Geschichtswahrheiten’ (Lessing) oder gar ‚schädliche Mythologie’ zu erkennen vermag. Hamann behaftet die vermeintlich reine, allgemeine Vernunft auf dem Boden der Geschichte, von dem sie sich abzustoßen versucht. (..) Zitierend und imitierend lässt er sich auf das Denken anderer ein. Er entdeckt, worin verschiedenen Positionen und Einstellungen, die sich gegeneinander profilieren, einander doch gleichen. Wie Sokrates, über den er ‚auf eine sokratische Art’ schreibt, versteht er sich auf eine Gedankenführung, die durch ‚Analogie’ und ‚Ironie’ geprägt ist.“ Heterogener bringt er durch das band der Analogie zuammen, um es dann umso schärfer in den Konflikt hineinzutreiben. Er will die philosophische Vernunft ihrer Unwissenheit überführen. Diese ‚Weisheit des Widerspruchs’ liegt auf einer von Wort Gott her bestimmten tieferen Wahrheit.
Philologie und Theologie: Hamann als Liebhaber des Wortes
„Statt ‚dickbäuchiger’ Systeme, die ein Ganzes in sich zu schließen beanspruchen, liefer er (Hamann) nur kleine, fragmentarische Stücke: ‚Brocken’, ‚Zweifel und Einfälle’. Die Wahrheit, um deren Mitteilung es ihm zu tun ist, fügt sich nicht den Gesetzen des Warenaustausches; sie ist ‚nicht communicable, wie eine Ware’. (...) Die für Hamanns Schriftstellerei charakteristischen Sprachformen haben insofern einen theologischen Hintergrund: Sie entsprechen der Bewegung der Kondeszenz, der Selbsterniedrigung des biblischen Gottes, der sich in seinem Wort auf das Kleine, Verächtliche, Gebrochene, ja Unreine einläßt. (...) Als Philologe, im wörtlichen Sinn: als Liebhaber des Wortes widerspricht er einer Vernunft, die von der Bewegung der Selbstmitteilung Gottes abstrahiert und in ihrem Versuch, Gottes Sein zu begreifen und sich anzueignen, ‚tausend mythologische Namen, Idole und Attribute’ hervorbringt. Als Theologe konzentriert er die Vernunft auf das gegebene, vor allem in der Bibel überlieferte Wort, um in ihm das Kommen Gottes, seine Gegenwart zu vernehmen. Diese Einheit von Philologie und Theologie ist eben darin begründet, daß die Sprache das Medium ist, in dem Gott und Mensch miteinander kommunizieren. ‚Göttlich und menschlich zugleich“ ist die Sprache schon von ihrem Ursprung her.“ Metakritik
„Die Vernunft, die sich ihrer ‚Allgemeinheit, Unfehlbarkeit, Überschwenglichkeit, Gewißheit und Evidenz’ rühmt, erweist sich in den Augen Hamanns als ein Götzenbild, ‚dem ein schreyender Aberglaube der Unvernunft göttliche Attribute andichtet’. Diese Selbstwidersprüchlichkeit, ‚die innere(n) Lügen und Widersprüche der Vernunft’, aufzuklären und zum rechten Vernunftgebrauch zurückzuführen, ist das Anliegen der Vernunftkritik Hamanns. (...) Dabei teilt Hamann durchaus Kants Kritik an der Metaphysik als einer schwärmerischen Pseudo-Wissenschaft, die im Ausgriff auf ein Jenseits der Erfahrung ihre eigenen Erkenntnismöglichkeiten verkennt. Kants ‚kritische Vermunft, die den gemeinen Verstand in Schranken hält, damit er sich nicht in Spekulationen versteige’, wird jedoch metakritisch im Blick auf ihre transzendentale Begründung in Frage gestellt. Als Wissenschaft gewinnt die von Kant entworfene kritische Metaphysik durch ein der chemischen ‚Scheidung’ analoges Verfahren der Aussonderung des rein Rationalen von allen Formen der geschichtlich-empirischen Vermittlung, insbesondere auch durch die Reinigung von der Sprache. Hier setzt die Metakritik an, indem sie fragt, ob nicht jene selbstkritisch vollzogene Grenzziehung ebenso problematisch ist wie die kritisch verwehrte Grenzüberschreitung.“ Hamann befragt also metakritisch Kant nach dem, was seine Philosophie ausblendet.
Worüber schweigt von Lüpke, weil ihm der Platz dazu fehlt? „Einen entscheidenden Schlag Hamanns gegen die Berliner Aufklärung, gegen jüdischen Wort- und aufklärerischen Vernunftglauben, den neuen Papismus des 18. Jahrh.“ (Otto Mann, Hamann, Magus des Nordens Hauptschriften. Leipzig: Dieterichsche Verlagsbuchhandlung 1937) wurde „Golgatha und Scheblimini“ angesehen, eine Kampfschrift Hamanns gegen die Schrift „Jerusalem oder über die religiöse Macht und Judentum“ des „sophistischen Münzjudens“ (Hamann) Moses Mendelssohn. Hamann hat später seine tendenziöse Kampfschrift so erläutert: „Diese kleine musivische Schrift ist aus lauter Stellen des Mendelssohnschen Jerusalems zusammengesetzt, und den Wolfianischen Spitzfindigkeiten entgegengesetzt, womit er seine Unwissenheit des Judentums und seine Feindschaft gegen das Christentum, welches er religiöse Macht nennt, zu bemänteln versucht.“ Dabei handelt es sich bei Hamann um eine durch Luther inspirierte „Überwindung“ des Judentums durch das Christentum, weil er sich gegen Mendelssohn Feindschaft gegen das Christentum und Verfälschung des wahren Judentums wendet, also ihn des Atheismus denunziert. Dabei sollte – vielleicht in scharfer unvertuschbarer antijüdischer Absicht - „das wahre Judentum aus der Schlinge von von Mendelssohns Konzeption des Judentums zu retten, um das Christentum dadurch sicherzustellen.“ (Ze’ev Levy, J.G. Hamanns Kontroverse mit Moses Mendelssohn, S. 327-344, in: Bernhard Gajek, Albert Meier (Hrsg.), Johann Georg Hamann und die Krise der Aufklärung. Acta 1988. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 1990). Hamann nennt das Judentum in der Diaspora ein „in alle vier Winde zerstreutes Gesindel ohne Staat und Religion“, sieht aber in „dem Juden“ zugleich den „eigentlichen ursprünglichen Edelmann des ganzen menschlichen Geschlechts“, der den europäischen Adel überragt. Mendelssohn galt Hamann als Vertreter der ihm so verhaßten Berliner Aufklärung. Und Hamann sah, daß seine Kampfschrift böses Blut machen würde, denn später schrieb er im Hinblick auf die Apologeten des verstorbenen Moses Mendelssohn: „Wird meine Schweißtaufe über den Todten (in „Golgatha und Scheblimini“) nicht eine andere von lebendigen Hagelsteinen und Pechfackeln nach sich ziehn?“ Wir werden im folgenden Buch von Petra und Uwe Nettelbeck auf nichtpropositionale Weise sehen wie „die Berliner“ mit ihrem ‚philippirende(n) und judaisirende(n) Geschmier’ (Hamann) wiederum über Mendelssohn dachten und wie die Hagelsteine und Pechfackeln gegenüber dem lebenden Mendelssohn aussahen. |