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Das Drama der deutschen Aufklärung PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Eckart Menzler-Trott   
30.08.2005
Die Thürme von Braunschweig. Tragödie in achtzehn Bildern. Es treten auf: Karl Philipp Moritz, Fromet und Moses Mendelssohn, Johann Caspar Lavater, Friedrich Heinrich Jacobi, Gotthold Ephraim Lessing, Elise Reimarus, Johann Georg Hamann, Caroline und Johann Gottfried Herder, Georg Christoph Lichtenberg, Georg Forster, Immanuel Kant, Johann Wolfgang von Goethe, Honoré-Gabriel de Riqueti, Comte de Mirabeau u.a. In: Die Republik, herausgegeben von Petra und Uwe Nettelbeck, Nr. 118-119, 28. Februar 2005, XXIX. Jahr. 124 S., € 22.-  Bestellungen bitte unter:

Diejenige Philosophie, die von dem Griechen ausging, ist konstitutiv homosexuell. In unseren Schulbüchern steht diese Tatsache nicht. Aber daß die deutsche philosophische Aufklärung und ihr wichtiges Personal – mit wenigen Ausnahmen – deutlich antisemitisch war, ist ernüchternd wiewohl manchen unbekannt. Deshalb bin Herrn und Frau Petra und Uwe Nettelbeck dankbar, die uns dies in einem wunderbaren Theaterstück zeigen. Geschult an der Theorie der Collage von Walter Benjamin und Karl Kraus gilt, was im Vorwort von den „Letzten Tagen der Menschheit“ steht: „Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate.“ Bei Philosophen, denen man als Sucher der Wahrheit Geist zusprach, erscheint eine antisemitische Intrige um so unfaßbarer und ein Skandal, der in Philosophiegeschichten nicht vorkommt. Wo unsere Vorstellungskraft versagt, zeigt die Tragödie mit Hilfe der künstlerischen Phantasie die Untat in vollem Umfang. Das Gemüt der Philosophen nimmt jene Brutalität der Judenverfolgung und Judenvernichtung vorweg, derer sie fähig waren. Wenn die Phantasie in der Aufklärung dazu ausgereicht hätte, die Wirklichkeit der antisemitischen Aufklärung zu erfassen, dann hätte es diese Wirklichkeit vielleicht nicht gegeben. Sie waren sich selbst und ihrer Bilder von Rationalität geistig und seelisch nicht gewachsen.


Der Anlass
Mit der Schrift „Ueber die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn“ (Breslau, Löwe 1785) leitet Friedrich Heinrich Jacobi eine heftige Fehde mit Moses Mendelssohn um die religiösen Auffassungen des späten Lessing ein. Kurz vor dessen Tod hatte er ihn 1781 besucht, und in ihren Gesprächen über philosophische Gegenstände hatte Lessing sich zu Spinozas Pantheismus bekannt – für Jacobi war dies ein Bekenntnis zum Atheismus. Als er dann erfuhr, dass Mendelssohn ein Buch zu Lessings Gedächtnis zu schreiben beabsichtigte, teilte er ihm das religiöse Bekenntnis seines Freundes mit. Mendelssohn reagierte barsch ablehnend - er fürchtete um das Ansehen des verstorbenen Freundes. Er wollte höchstens einen mit dem Christentum zu vereinbarenden "geläuterten Spinozismus" Lessings gelten lassen. Daraufhin veröffentlichte Jacobi die vorliegende Schrift, die den Briefwechsel mit Mendelssohn enthält. Mendelssohn reagierte mit einer Verteidigungsschrift "An die Freunde Lessings. Ein Anhang zu Herrn Jacobi Briefwechsel über die Lehre des Spinoza“ (Berlinn, Voß, 1786) auf Jacobis Veröffentlichung. Sein plötzlicher Tod 1786 wurde von seinen Freunden als Auswirkung dieser Kontroverse gesehen. Um diese Kontroverse schlingen sich mehrere zeitgenössische Buchveröffentlichungen, beispielsweise von Th. Wizenmann „Die Resultate der Jacobischen und Mendelssohnschen Philosophie; kritisch untersucht von einem Freywilligen“ (Leipzig, G. J. Göschen, 1786), die sich auf die eine oder andere Seite schlagen. Im Grunde lief alles darauf hinaus, dass Mendelssohn zum Christentum übergehen und das Judentum hinter sich lassen sollte. Und zumindest sorgten Kant, Herder und Goethe, dass Jacobis schwärmerische Religion in der Aufklärung nicht länger akzeptiert wurde.


Die Aufklärer sind einig im Antisemitismus
Wer denkt, daß Lichtenberg folgendes schrieb: „Zu meiner Vergleichung der Juden mit den Sperlingen könnte auch noch hinzugetan werden das entsetzliche Getöse, wenn man ihnen die Jungen raubt, das gar keine Zärtlichkeit verrät, sondern eine Art von Börsengeschrei. Das Volk Gottes hat nie etwas getaugt, sondern ist allezeit ein infames Volk gewesen.“ Und so beschreiben die Nettelbecks in ihrer Tragödie die verschiedenen Strategien des Antisemitismus, die die Aufkärer an den Tag legten. Orientalisten, Philosophen, Weltreisende, Kirchenmänner, Literaten, alles sind daran beteiligt den äußeren, läppischen Anlass von Jacobis Schrift zu nehmen für einen Angriff auf Mendelssohn und die Juden insgesamt.


Auf einen Blick: Besser als wissenschaftliche Literatur zur Spinoza-Debatte
Die Nettelbecksche Tragödie ist eine notwendige Ergänzung zur Standardliteratur (Heinrich Scholz (Hg.), Die Hauptschriften zum Pantheismusstreit zwischen Jacob und Mendelssohn. Berlin: Reuther & Reichard 1916. Reprint durch Verlag Hartmut Spenner: Waltrop 2004. Vgl. insbesondere die reichhaltige historisch-kritische Einleitung). Das gesamte Personal des Pantheismusstreits sind plastisch zur Kenntlichkeit entstellt dargestellt: Michaelis, Lichtenberg, Meiners, Blumenbach, Forster, Kant, Lessing, Jacobi, Herder, Goethe und vor allem Hamann. Das sich der Antisemitismus bis auf die heutige Zeit fortzeugt, ist eines der Lehren der wunderbaren Tragödie, die zornig machen.



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