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Sie sind arm und haben keine Kalaschnikoff? - Werden Sie Sufi! PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Eckart Menzler-Trott   
09.11.2009
Image Dies Meer hat keine Ufer. Klassische Sufi-Mystik. Herausgegeben von Ulrich Holbein.
2009. Pappband, Fadenheftung, 384 S., 9,95.- €. Wiesbaden: marixverlag
ISBN 978-3-86539-207-7

„Man soll nur reden, wo man nicht schweigen darf; und nur von dem reden, was man überwunden hat, - alles andere ist Geschwätz, „Literatur", Mangel an Zucht.", verkündete Herr Nietzsche in seiner Vorrede zum zweiten Band seines Buches „Menschliches Allzumenschliches". Aber ich habe meine Armut noch nicht überwunden. Deshalb greife ich zum zuchtlosen Ulrich Holbein, der mit Logorrhoe und Glossospasmus gesegnet sein soll, und das Phänomen Sufi-Mystik mit trefflichem Scharfsinn ausgespäht hat und noch im Nachwort mit triftigen Gründen und kühnen Behauptungen griechische Philosophie, altarabische Theologie und Sufi-Mystik in unfriedlich hochlebendiger Koexistenz vergleicht. Und zwar so, dass weder Idylle noch zerfallener Schweinestall vor dem geistigen Auge entstehen. So finden wir ein wundervolles Buch vor, dass ein Stachel im Leib der betulichen, deutschen Islamwissenschaft ist.


Über tatsächliche Armut und Entbehrung wird in der deutschen Philosophie fast nichts geschrieben, dafür ist in der Theologie umso öfter die Rede vom Zusammenhang von Armut, Tugend und Haltung. Soll der Arme fröhlich sein, weil er nur dem Herrn lebt und – im Gegensatz zu Amtskirchenfunktionären – ja sagen soll zur mönchischem Armut, die ihm gestattet so zu leben, wie Franz von Assisi oder weiland Jesus Christus? Oder darf er auch zynisch sein, weil er weniger dem gelackten Beschiss einer modernen Welt ausgesetzt sei und die Nichtigkeit der Welt oder Religion damit besser ins Auge fassen kann?

Armut macht Sklaven und nirgends ist keine Freiheit und kein Heil für sie. Und die wenigsten werden täglich von Gnadenschauern durchbebt, wenn sie zwangsweise Enthaltsamkeit, Fasten, Hunger, Meditation, Schweigen, Isolierung, Askese und Schweigen üben müssen. Die Hartz IV-Gesetzgebung ist vielleicht mehr durch die Judengesetzgebung des NS durchdrungen als von der Armengesetzgebung des 17. Jahrhunderts, die Armut als Lebensform regelt: Kraft durch Leiden. Das führt nicht in allen Fällen zu Evidenz, Klarheit, Sicherheit, schönen Visionen, grauenhaften Halluzinationen, Offenbarung, Entrückung und Ekstase. Der Philosoph Vittorio Hösle meint, dass die deutsche Philosophie mit Deutschem Idealismus und dem NS zu Höhepunkt und Schweigen gekommen sei, weshalb man sich – als Beispiel nennt er Habermas - vorwiegend mit der Philosophie aus dem anglosächsischen Sprachraum beschäftige und dass damit die deutsche Philosophie endlich zum Erliegen gekommen sei. Das ist traurig, aber womöglich hilft es dann der Lebenspflege, sich in der Sufi-Mystik umzusehen. Wenn der Armutspflichtige der staatlichen Wohlfahrt von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen wird, hilft ihm vielleicht das Wissen, das die Gesellschaft und Wissenschaft als dunkle, verworrene Mystik, Aberglaube, Fetischdienste verworfen hat oder vielleicht hilft die Haltung derer, die sich aus der Gesellschaft zurückgezogen haben, weil die moderne Gesellschaft nicht die ihre sei. Denn die Literatur der Glückslehren und der westlichen Lebenshaltungsprinzipien a la Wilhelm Schmid, Eckart von Hirschhausen, Peter Sloterdijk, Hella von Sinnen, Martin Seel, Michael Hampe, Richard D. Precht und anderer ramponierter Glücksformel-Kabarettisten der neudeutschen Geistesseele, denen die Vernunft unerträglich ist, ist ja Legion und auf allen deutschen Bestsellerlisten. Deshalb ändern die nicht ihr Leben, sondern schwimmen obenauf. Sie sind geistlich arm, aber der wirklich Arme geht unter und stirbt früher, aber ohne gelassene Zuversicht. Man wird ja auch nicht Stimmungslyriker, wenn man durch Kälte (fehlender Strom), Armut (mangelndes Geld sperrt im Zimmer ein), abgestelltem Telefon und Internet, dem Essen von Bitternis zu selbstquälerischer Einfältigkeit und Schlichtheit gezwungen wird und sich Schutz, Geborgenheit, Sicherheit, Vertrautheit mit der Welt wünscht, um träumen zu können von Aufbruch, Lachen, Neugierde, Lebendigkeit, Reisen und gutem Leben ohne prahlerischer Wohllebe oder zerlumpter Genügsamkeit. Zeigt das Mönchstum in der Geschichte nicht deutlich, dass Armut und Glaube eine sensationelle Kraft hatte und sogar zur Umgestaltung der Welt führte? Können wir die Welt heute nicht mehr alle durch Mahatma Mohandas Karamchand Gandhis Brillengestell sehen und den Folgen einer Wirtschaftsdiktatur entgegentreten? Ist es nicht fein, wenn wir alle selbst unser Leibchen weben und nähen können? Wie können wir wegkommen von Demütigung, Scheitern, Verstörung, Selbstqual, Gebrochenheit, Lebensekel, Trübsinnigkeit in der Stadt ohne zu vermickern, zu verblöden, zu vereinsamen? Müssen wir den Weg in die Wüste gehen mit dem Glaubens an ein höheres Wesen? Führt die Erlösung versklavter Seelen nur über Allah? Mal sehen.

Was also führt uns Holbein ohne aufdringlichen Scharfsinn hier vor?

Ja, Sufismus ist eine Religion der Hingabe und mystischer Ergriffenheit. Es gibt Wanderer, die nachts auf nacktem Boden mit einem Ziegelstein unter dem Kopf schlafen. Sie fasten lange, unterziehen sich rigorosen asketischen Praktiken, und können vierzig Tage völlig schweigen. Und weil Schlaf vom Gottgedenken abhält, streut man sich Chilipulver in die Augen oder bindet seine Haare an der Decke fest. Auch der Flagellantismus ist nicht zu verachten. Sufis praktizieren Toleranz durch praktische Taten, d.h. sie vertreten das Ideal der Nächstenliebe und plädieren für soziale Gerechtigkeit. Terror und Gewalt weisen die Sufis zurück, dafür benutzen sie zur Einswerdung mit Gott, horribile dictu – Musik. In Pakistan ist der Sufismus eine Art Volksislam geworden. Die Geschichte des Sufismus aber ist noch immer eine Spielwiese der Intellektuellen. Und Holbein führt uns in seiner Kompilation von Sprüchen, Antworten , Bruchstücken aus Lehrgebäuden, Verse, Weisheiten, biographischen Fragmenten, Episoden und Anekdoten – in 37 eigenwillig betitelten Sektionen - das Ketzerische des Sufismus im orthodoxen oder fundamentalistischen Islam vor: Verstiegenheiten, abstruser Humor, Obszönitäten und orientalische Grausamkeit. Alles getreu des Wortes „Die Absicht des Gläubigen ist besser als das Werk". Denn es wird auf jede Philologie, vor allem genaue Quellenangaben, verzichtet: „Wenn Allah einen Menschen liebt, schaden ihm seine Sünden nicht." Und schließlich gilt: „Faqri fakhri (meine Armut ist mein Stolz). Weil gilt: „Wenn fakr (Armut) vollkommen wird, ist es Allah". Betrübtheit in Demut ist besser als Heiterkeit im Hochmut, lasse ich mir sagen und so nehme ich die Sprüche zur Ich-Auslöschung und Bekämpfung der Ach so schlimmen Begierden freundlich-betrübt hin. Dass ich lieber mit einem Hund zusammensitzen solle als mit einem schlechten Menschen, führt aber nicht dazu, dass ich den Hintern eines Esels küsse. Für das Musikhören seien drei Dinge nötig: die Zeit, der Ort und die Brüder. Und über die Brüder heißt es: Keiner erreicht den Rang der Männer durch Ritualgebet, Fasten, dschihad (Krieg) und Wallfahrt, sondern nur dadurch, dass er weiß, was er in seinen Schlund steckt. Was steht auf meinem Einkaufszettel heute? Aber es heißt: Lasst das Planen und Wählen, denn beides trübt den Menschen das freie Leben, und manchmal erscheint mir die Sufi-Religion als Aufruf zum Individualismus innerhalb der Religion. Aber Vorsicht: Euer Nu ist vom andern Nu abgeschnitten, mein Nu aber hat keine zwei Enden, und mein Meer hat keine Ufer. Uferlos ist Holbeins Kompilation und zu jedem Satz wird man sein Gegenteil finden. Das macht die Sache unübersichtlich und es scheint keinen „Roten Faden" zu geben. Liegt es an der Komplilation, der Sufi-Mystik oder an mir? Das ist alles nur dein Ich. Tötest du es, dann gut. Sonst tötet es Dich. Und ich gestehe freiwillig, dass ich nahe daran war, im Meer ohne Ufer unterzugehen. Jedoch macht das Schwimmen schlichtweg Vergnügen: Wenn dein Verstand vor Staunen deinen Kopf verlässt, dann wird aus jeder deiner Kopfhaarspitzen ein neuer Kopf und Verstand. Kann mein Herkules alle Köpfe dieser Hydra abschlagen? Ja, wie sich mit Hilfe von Ordinalzahlen beweisen lässt (Herkules kämpft mit der Hydra, S. 85, Spektrum der Wissenschaft spezial: das Unendliche 1/2001). Verscherz das Scherzen nicht ganz, denn der Spaß der Spielereien ist der Ernst einer ernsthaft bemühten Seele. Aber: Viel Lachen tötet das Herz. - Zu nahezu allen Themen des Daseins gibt es Worte, sogar die Schlafgestörten erhalten Trost: Wer des Nachts auch nur eine Stunde in gafla (religiöser Gleichgültigkeit) verschläft, fällt auf dem Weg ins Jenseits um tausend Jahre zurück. Weshalb ich, dessen Weg in den Himmel durch Zweifel unendlich lang ist, gut schlafen darf und nicht auf meine Träume aufzupassen brauche. Der Sufi weiß auch, was zu tun ist, wenn er Leute wie Thea Dorn, Norbert Bolz, Thilo Sarrazin, Karl-Heinz Bohrer oder Peter Sloterdijk hört: Ich schneide den Menschen nicht die Kehle durch, um Macht und Ehre und Anhänger zu gewinnen; ich schneide einigen Kehlen durch, damit die ganze Welt von diesen Kehlen erlöst wird. Oder: Tatsächlich ist es gut für ihn, auf den Kopf geschlagen zu werden, damit sein bisschen Seele vom unglücklichen Körper erlöst wird. Mindestens gilt: Das Ohr, das nicht wert ist, ihr Geheimnis zu hören, kannst du abreißen, denn es ist am Kopf für nichts gut. Das klingt als ob die Verfasser hinter den Septembermorden der Französischen Revolution ständen. Was können wir hoffen?

Holbeins schöne Sammlung kann man also lesen wie ein Brevier, ein Stundenbuch. Das Diesseits ist für den Gläubigen ein Gefängnis, für den Ungläubigen ein Paradies. Aber es wird gewarnt: Die Welt ist Allahs tödliches Gift für seine Knechte; nehmt von ihr nicht mehr, als man von den Quacksalbern Gift zu sich nimmt – vielleicht kommt ihr heil davon! Weshalb man auch hungern soll: Der Hunger ist eine Wolke. Wenn der Gottesknecht hungert, wird sein Herz mit Weisheit beregnet. Was aber tut der Weltknecht, wenn er hungert und friert? Er liest das Kapitel „Wir gingen von Gott zu Gott. Parallelen zwischen Sufis und Geistern anderer Kulturreligionen" und erfreut sich an dem weiterführenden Kapiteln, die das angeblich Häretische der Sufi-Mystik verständlich machen, wiewohl in Mathnawi, Buch 5, Vers 2378 steht, dass nur ein Muslim Vernunft habe, der Christ eine Triebseele sei und der djahud (Jude) eh nur dem Teufel verhaftet sei. Und Holbein zeigt uns, dass in Deutschland die Sufi-Übersetzungen getragen sind von christlichem Missverstehen, die einen süßlich romantischen Quark breittreten, der ungenießbar ist. Als Beispiel für einen Roten Faden liefert uns Holbein noch den kurzen biographischen Abriß von Scheich Bayezid al-Bastami, des Königs der Verzückten. Wir finden noch eine Zeittafel klassischer Sufis, klassisches Sufi-Vokabular und ein teilweise kommentiertes Literaturverzeichnis zum Weiterstudium.

Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König, sagt der Volksmund. Und Gott lässt sagen im Lied 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt. Es münden alle Pfade durch Schicksal, Schuld und Tod doch ein in Gottes Gnade, trotz aller unserer Not. Wir sind von Gott umgeben auch hier in Raum und Zeit und werden in ihm leben und sein in Ewigkeit. Fein! Da ist es vielleicht hilfreich Oguz Atay zu lesen: Der Mathematiker (Zürich: Unionsverlag), wo die intuitive Weisheit der Sufi-Mystiker durch das Leben des Mathematikers Mustafa Inan erhellt wird. Vielleicht hilft uns das in der Unendlichkeit, wenn der Sufi den Knopf einer Atombombe drückt, weil er sich eins fühlt mit einem zürnenden Gotte, bevor ihn der Tod durch eine christliche Miliz erreicht? Hu hu.

Wir werfen Rosenblätter auf Herrn Holbein zum Dank für diese Sprüchesammlung und erfreuen uns daran.




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