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Tengenenge - Teil 1: Tom Blomefield und die Ursprünge der neuen "Shona-Art" |
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Geschrieben von Bernhard Raestrup
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03.09.2008 |
 Tom Blomefield Foto mit freundlicher Genehmigung von Bastian Müller
| Vor vier Jahren hörte ich auf WDR 5 die Ankündigung des 2.
Shona-Art-Festivals in Witten, einer Stadt im Ruhrgebiet: Zwei Tage
afrikanische Musik, Eintritt frei. Ich besuchte seitdem dieses Festival
regelmässig und seit diesem Jahr ist Shona Art, bzw. diese
Pressemitteilung, eine Geschichte, die mein Leben mehr und mehr prägt.
Davon soll die folgende Serie handeln, denn sie ist nicht auf wenigen
Seiten zusammen zu fassen. Ich beginne mit einem Überblick.
Teil 1: Kunst als Wirtschaftsfaktor Tom Blomefield und die Ursprünge der neuen „Shona-Art“ in der Künstlerkolonie in Tengenenge
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Kunst als Wirtschaftsfaktor Tom Blomefield und die Ursprünge der neuen „Shona-Art“ in der Künstlerkolonie in Tengenenge
Zimbabwe
leidet aktuell unter dem Regime von Robert Mugabe neben politischen
Repressionen auch unter einer komplett desolaten wirtschaftlichen Lage.
Die Hyperinflation führt dazu, dass ein Liter Milch knapp das
Monatsgehalt eines Lehrers kostet. Ohne harte Divisen und Schwarzmarkt
kann man in Zimbabwe nicht überleben – so siedeln inzwischen viele
Zimbabwer ins Ausland über, um von dort aus ihre Familie zu ernähren.
Doch es gibt auch ein anderes Modell: In Tengenenge, einer
Künstlerkolonie nördlich von Harare, leben die Menschen von ihrer
Kunst. Und das bereits seit vierzig Jahren. Die Community von etwa 200
Menschen ist ein Beispiel für den Wirtschaftsfaktor Kunst. |
Alles beginnt im früheren Rhodesien, dem heutigen Zimbabwe. Anfang der Sechziger siedelten der in Südafrika geborene Tom Blomefield und seine Frau nach Rhodesien, um dort in Tengenenge eine Tabakfarm zu kaufen und zu betreiben. Aufgrund internationaler Boykotte gegen Rhodesien stand Tom Blomefield jedoch bereits 1966 vor dem Bankrott und überlegte, wie er und seine Arbeiter weiterhin überleben könnten.
Eines Tages traf er den Bildhauer Crispen Chakanuka, der Tom Blomefield in den Bergen des Great Dyke Lagerstätten von Serpentinensteinen zeigte und ihm erklärte, dass diese zur Herstellung traditioneller Shona-Art Bildhauereien benötigt werden. Daraufhin entwickelten beide die Idee, zu versuchen, den Tabakarbeiten das Handwerk der Bildhauerei und speziell der Shona-Art zu vermitteln und auszuprobieren, ihnen damit eine neue Lebensgrundlage zu schaffen.
Es schien unrealistisch – aber es funktionierte, wie es so häufig mit unrealistischen Zielen ist: Es entstand die Steinbildhauer-Gemeinschaft von Tengenenge, die bis heute existiert. Die Steinbildhauer-Kunstwerke wurden international vertrieben und bis heute können die ehemaligen Arbeiter, bzw. deren Kinder oder Neuzuzöglinge davon leben – und viele von ihnen sind inzwischen international anerkannte Künstler.
 Zufahrt zur Tengenege-Bildhauer-Gemeinschaft Foto mit freundlicher Genehmigung von Bastian Müller
Tom Blomefield ist inzwischen 83 Jahre alt und verkaufte sein Grundstück an einen der Künstler, die inzwischen die Kolonie in eigener Regie weiterführen. Tom Blomefield lebt nun in den Niederlanden.
In Deutschland wird die Kunst Zimbabwes oft unter dem Label „Shona-Art“ verbreitet, jedoch gibt es viel zu viele Richtungen und Einflüsse, als dass man von einer einzigen speziellen modernen Kunst sprechen kann, zumal allein die Kunst Tengenenges kulturelle Einflüsse aus benachbarten Ländern aufnimmt.
Die Shona“ sind nur ein Volk unter vielen, so dass die Kunsthistorikerin Celia Winter-Irving von „moderner zimbabwischer“ Kunst spricht.
Die Ursprünge dieser Kunst sind dem erste Direktor der Nationalgalerie im damaligen Salisbury, dem heutigen Harare, Frank Mc Ewen zu verdanken. Er sollte für die damalige südrhodesische Regierung ein großes Kunsthaus für die herrschende weiße Oberschicht einrichten.
Frank Mc Ewen hatte im Paris der dreißiger Jahre Kunstgeschichte und Malerei studiert und traf dort Künstler wie Miro, Picasso, Matisse und Braque, die sich bekanntermaßen mit volkstümlichen Kunstformen, auch Afrikas beschäftigten und diese Einflüsse auch in ihren Arbeiten übernahmen.
Auf Grund dieser Erfahrungen zögerte er bei der Konzeption der neuen Nationalgalerie Zimbabwes nicht lange und ermutigte seine Helfer und Helferinnen, selbst Kunstwerke zu schaffen und diese auszustellen. Gegen allem Widerstand des Arpartheidsregimes gelang ihm dieses.
Zu Beginn der 60er Jahre lernte Mc Ewen Joram Mariga, dem landwirtschaftlichen Berater von Agritex, kennen, der nebenher aus Steinen, die er auf seinen Streifzügen durch die Natur entdeckt hatte, kleine Skulpturen erstellte und diese erfolgreich an Touristen verkaufte.
Mc Ewen erkannte nicht nur das künstlerische Potential Joram Marigas, sondern auch das ökonomische Potential, dass in einer Verknüpfung aus lokalen Materialien, nationalen Kunstformen und Tourismus lag. Es entstanden erste Bildhauerworkshops, mit denen die tradierte zimbabwische Steinhauerkunst verbreitet wurde.
Einer seiner Schüler war Crispen Chakanuka, der aus dem Ort Guruve, etwa 30 Kilometer von Tengenenge entfernt, stammt und 1966 dorthin zurück kehrte. Er holte seine Steinen aus den Bergen des Great Dyke bei Tengenenge. Eines Tages, nach Beginn der Sanktionen gegen Rhodesien, traf Tom Blomefield diesen jungen Künstler, der ihm in die gewaltigen Vorkommen an Serpentinensteinen zeigte und ihn auf die Idee brachte, seinen von Hunger bedrohten Arbeitern die Kunst der Steinbildhauerei zu vermitteln. So brachte Crispen Chakanuka die kulturelle und wirtschaftliche Idee Frank Mc Ewens nach Tengenenge und wurde zum ersten Multiplikator.
 In den Steinminen des Great Dyke Foto mit freundlicher Genehmigung von Bastian Müller
„Dies war der Beginn der Entstehung der Tengenenge Sculpture Community - die Hersteller von Masken, die Tänzer, die Trommler die Hersteller von Kostümen, sie saßen nun unter einem Maulheerbaum und meißelten, nutzten Stücke alter Farmausrüstung als Werkzeuge.“ (Celia Winter-Irving in ihrem Beitrag zum Katalog: Müller, Bastian; Möller, Jochen (Hg): Shona im Park. Steinbildhauerei aus Zimbabwe. Ausstellungskatalog, 168 Seiten, Dortmund 2008)
 Bildhauerin in Tengengenge Foto mit freundlicher Genehmigung von Bastian Müller
In Tengenenge entstehen inzwischen seit mehr als vierzig Jahren Steinskulpturen und Malerei, die auf frappierende Weise an moderne Kunst in vielen christlichen Kirchen erinnern – weil die Ursprünge dieser Kunst weit zurückreichen und von Missionaren und Künstlern der nördlichen Welt adaptiert wurden. Die moderne Kunst, die in Tengenenge entsteht, ist wiederum beeinflusst von moderner Kunst aus den nördlichen Ländern und Kontinenten, so dass sich nun ein Kreislauf geschlossen hat.
 Open Air-Galerie in Tengenenge Foto mit freundlicher Genehmigung von Bastian Müller
Tengenenge hat viele faszinierende Facetten: In dieser Gemeinschaft leben viele Menschen und unter ihren viele Flüchtlinge aus vielen Ländern mit ihren verschiedenen Religionen, Kulturen und Gebräuchen friedlich zusammen und respektieren nicht nur ihre eigenen Lebensweisen, sondern befruchten sich gegenseitig. Dieses ist in einem Afrika, in dem immer wieder blutige religiös und stammesgeschichtlich bedingte Bürgerkriege ausbrechen, ein bemerkenswertes Modell für ein modernes Afrika. Aber eine weitere faszinierende Facette ist die Tatsache, dass Tengenenge Kunst zum Wirtschaftsfaktor gemacht hat und dieses kleine Dorf im zimbabwischen Busch schon in den Siebzigern den Anschluss an die ganze Welt vollzog und Galeristen, Kunsthistoriker und Museumskuratoren aus der ganzen Welt dort regelmäßig zu Gast sind.
Nicht zuletzt ist Tengenenge darüber hinaus ein Modell für die ökonomische Entwicklung durch Kunst – für Kunst als Wirtschaftsfaktor. Dazu gehören sicherlich die für die Steinbildhauerei benötigten Rohstoffe in den Bergen des Großen Dyke, die auf Tom Blomefields Besitz liegen, deren Bedeutung er als Tabakfarmer ignoriert hatte, aber deren ökonomisches Potential er nach der Begegnung mit Cristen Chakanuka erkannte und professionell unternehmerisch vermarktete. Vor allem aber ist es ein menschliches Potential, aus einer verzweifelten Lage eine neue Lebensgrundlage für ehemalige Arbeiter zu schaffen, das Tom Blomefield aus Unternehmer auszeichnet.
Als Tabakfarmer lebte Tom Blomefield mit seiner damaligen Frau wie alle anderen Weißen durchaus luxuriös, sie fuhren einen Mercedes Benz, die Kinder besuchten eine private Schule und alle anderen Statussymbole der Weißen in Rhodesien fehlten nicht. Aber schon damals kümmerte er sich sehr um seine Arbeiter und ArbeiterInnen.
 Tom Blomefield in Tengenege Foto mit freundlicher Genehmigung von Bastian Müller
Das luxuriöse Leben bröselte nach dem Boykott dahin und er lebt seitdem einfach und bescheiden als einer unter vielen. Ich kenne Tom Blomefield nur als einen lebensfrohen und positiven Menschen: Er tanzte auf den Festivals in Witten zu afrikanischer Musik, er lacht ständig und er liebt es, lange Geschichten von früher aus dem Busch in Afrika, Tengenenge, zu erzählen. Er hat in seinem Leben so viel für andere erreicht, wie nur wenige Menschen es schaffen.
Links:
Tengenenge im Internet: http://www.tengenenge-tomblomefield.com/
Shona Art in Deutschland: http://shona-art.de/
Celia Winter-Irving: Die Entstehung der Shona-Art in Tengenenge http://www.lop-lop.net/cwi/index.php?option=com_content&task=view&id=18&Itemid=9 |
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