Kommunikationsmüll (2): Mit moderner Technik zurück in die Vergangenheit
Geschrieben von Bernhard Raestrup
06.08.2008
Alexander Graham Bell spricht in ein Telefon Quelle: WikiCommons
Der technische Fortschritt der letzten 20 Jahre scheint überwältigend: Wer kann sich heute noch ein Leben ohne Handy vorstellen, ohne PCs oder Laptops und wie genial ist doch das digitale Fernsehen. Doch sind wir in einigen Punkten statt dessen technisch bis zu 60 Jahre zurückgeworfen worden – und haben inzwischen die gleichen Probleme wie unsere Grosselten oder Eltern. War es das wert?
Mobiltelefon: Telefonieren wie in den vierziger Jahren
Sicherlich erinnern Sie sich an die typische Szene aus Schwarz-Weiß Filmen der vierziger Jahre, in denen irgendjemand versucht, zu telefonieren, aber sein Gegenüber sich plötzlich nicht mehr meldet, und der Anrufende daraufhin hektisch auf die Hörergabel schlägt und immer ruft: „Hallo, Hallo, ist da noch jemand, hallo, hallo?“
Oder das andere Szenario – die Verbindung hält, ist aber zu schlecht, so dass Dialoge wie „Hallo, die Leitung ist sehr schlecht, können Sie das bitte wiederholen?“ oder ähnlich geführt werden.
Die Technik wurde besser, die Leitungen des Festnetzes wurden besser und nach und nach ermöglichte das Festnetz störungsfreies Telefonieren bei guter Qualität und sicheren Verbindungen – oft sogar ins Ausland.
Das ist jetzt jedoch wieder vorbei: Die Mobiltelefonie führt uns direkt zurück in die vierziger Jahre, mit all den Kalamitäten, die damals das Telefonieren so mit sich brachte: Schlechte Empfangsqualität, unterbrechende Leitungen und manchmal gar fehlende Verbindung. Und so halten die Menschen ihre Telefone ans Ohr und wiederholen erneut die bekannten Sätze aus den alten Filmen: „Hallo, die Verbindung ist sehr schlecht, kannst Du das bitte wiederholen?“, „Hallo, Hallo, ich höre Dich nicht mehr. Bist Du noch da?“ und so weiter.
Mobiltelefone und Laptops: Musik wie aus dem Transistorradio
Die Erfindung der sechziger Jahre war die bewegliche Musik mit Hilfe der Transistorradios. Endlich konnte man mühelos ein Radio mit sich herumtragen und, Batterien vorausgesetzt, an jedem Ort Musik hören, am Strand, beim Picknick, in der Schulpause oder auch im Bus. Das Transistorradio aus den sechziger Filmen ist Wegbegleiter junger Menschen in Polaroid – Farben und Basis jeder Tanzeinlage. Der Preis der Miniaturisierung war allerdings ein grottenschlechter Klang, da nur billige und winzige Lautsprecher eingebaut werden konnten, die nur scheppernde und kratzende Töne von sich brachten.
Erst die Ghetto-Blaster mit satten Bass-Boost befreiten uns davon – und bescherten guten mobilen Sound.
Und heute? Jugendliche hören in der S-Bahn so laut wie möglich Techno-Songs über ihr Handy – und der Klang erinnert an was? Ja, richtig – Transistorradios. Gequäke in schlechter Qualität und ebenfalls mono. Zwar können Laptops stereo, aber auch ihr Klang ist retro: Es scheppert und meistens ist er übersteuert, so dass er verzerrt.
Für diese Entwicklung zurück in die Vergangenheit brauchten wir 40 Jahre, in denen Hi-Fi-Stereo, Dolby-Surround, modernste Stereoanlagen und ebenso Ghetto Blaster entwickelt wurden, um über Hi-Tech wie tragbare Telefone und tragbare Computer klangtechnisch wieder da zu landen, wo wir einmal waren.
Digitaler Fernsehempfang: Klötzchen statt Schnee
Wer erinnert sich noch an Familien-Fernsehabende, an denen ein leichter Wind die Dachantenne so verdrehte, dass auf dem Bildschirm plötzlich „Schnee“ zu sehen war und den genussvollen Abend zu verderben drohte? Panisch läuft der Vater auf den Dachboden, um die Antenne wieder in die richtige Position zu bringen, die Familie bildet eine Meldekette und Mutter entscheidet vor der Glotze, wann das Bild wieder die richtige Qualität hat. Da wurde an manchen Abenden lange gedreht und justiert.
Dann kam der technische Fortschritt in Form des Kabelanschlusses, der nahezu ungestörten und vor allem „schneefreien“ Fernsehempfang ermöglicht.
Jetzt folgte sogar der digitale Fernsehempfang, der auch über eine Zimmerantenne möglich ist, in Stereo und in bester Bildqualität, pipapo. Und was kehrt damit wieder? Richtig, Empfangsstörungen, die sich diesmal nicht in Form von „Schnee“ äußern, sondern sich als bunte Tetris-Klötzchen bemerkbar machen. Und auch das stundenlange Justieren der Antenne ist geblieben. Ideal für Nostalgiker, die sich an die sechziger und siebziger Antennenjahre im Kreise der Familie zurückerinnern möchten.
Filmen mit Handy oder Fotoapparat: Die Rückkehr der Super 8 – Qualität
Mit etwas Ambitionen wurden diese glücklichen Familienabende auch noch auf Super 8 gefilmt, um sie dann später im Kreise der Familie lachend anzuschauen. Die grobkörnige Qualität, verfälschten Farben und die stets wackelnde Kamera, meistens in Vaters Hand, erheben heute diese meistens familiären Filmchen in den Kult-Status. Dann kam der Fortschritt in Form der Digitalisierung – und heute gibt es erschwingliche Kameras, die passable File erstellen und digital sogar schneiden lassen.
Ja, heute können fast alle ihre glücklichen privaten Momente filmen, denn viele Handys und digitale Fotoapparate haben eine Video-Funktion – sogar mit Ton. Und siehe da: Endlich kann auch unsere Generation zeitgenössische Privataufnahmen im Super 8 – Kultstatus erstellen – allerdings meistens auch nicht besser. Und die Themen sind ebenso banal wie früher: Die Liebste winkt, die Grillfreunde winken, der Himmel über dem Strand ist blau, wie damals, bei Heinz Erhardt.
Digitaler TV-Mitschnitt: Hüpfen statt Knittern
Als endlich die Videorekorder erschwinglich wurden, machten sie uns unabhängig vom Zwang, dem vorgegeben Programmschema der Sender zu folgen, denn sie ermöglichten die Aufzeichnung von Filmen, die man zu jedem beliebigen Zeitpunkt anschauen konnte. Doch auch diese Technik hatte ihre Tücken, denn die Filme wurden auf einem sehr dünnen Band aufgezeichnet, das des öfteren knitterte, riss oder Bandsalat verursachte. Das führte nach gelungener Reparatur der Videokassetten zu dauerhaften Störungen an bestimmten Stellen des Bandes.
Diese Mängel hat die digitale Filmaufnahme und –wiedergabe überwunden, denn da gibt es keine Bänder mehr, sondern nur noch Festplatten, Datenspeicher oder DVDs, die nicht knittern können.
Welch ein Fortschritt: Statt dessen hüpft es jetzt, wenn der PC zwischendurch noch andere Aufgaben erledigen will, bzw. während der Aufnahme erledigte. Das Hüpfen erinnert an die Sprünge bei Videokassetten, in denen zerstörte Bandteile herausgeschnitten wurden. Alles wieder wie früher.
So hat uns der vermeintliche Fortschritt in technisch eigentlich längst überwunden geglaubte Zeiten zurückgeworden und wir befinden uns in einem Gegenwarts-Technikmuseum, in dem wir qualitativ nachempfinden können, wie unsere Eltern und Großeltern lebten, die sich, ebenso wie wir, nach besser Qualität sehnten: Störungsfreier TV-Empfang über Antenne, satter Sound auf Handy und Laptop, Störungsfreie Telefongespräche, Knitterfreie Videoaufnahmen und Handy und Kamerafilmchen, die über die Super 8 Qualität hinausgehen. Und dieser Fortschritt wird kommen, er wird sicherlich kommen. Versprochen?
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