Home arrow Politik arrow Reisen arrow Loveparade ohne Nahverkehr

Loveparade ohne Nahverkehr PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Bernhard Raestrup   
20.07.2008
Image Die Loveparade in Dortmund war mit 1,6 Millionen BesucherInnen ein voller Erfolg. Nur der Nahverkehr der Bahn kollabierte vollends. Die Bahn liefert sich damit einen neuen großen Flop, der dem Image des Ruhrgebietes schadet, denn Hunderttausende kamen nur mit erheblichen Verspätungen von teils mehreren Stunden an oder wieder zurück. Und das ist kein Einzelfall. Während sich das Ruhrgebiet auf ein internationales Veranstaltungsmarathon namens "Kulturhauptstadt 2010" vorbereitet, spielt die Bahn AG mit dem Image einer ganzen Region, indem sie einen dilettantischen Nahverkehr hinlegt. Als wäre die Loveparade über Nacht über das Ruhrgebiet hereingebrochen.

Vollmundig verkündigt die Bahn AG auf ihrer Web-Site „bahnfahren.info“ das Verkehrskonzept für die Loveparade 2008 in Dortmund: „Aus Anlass der Loveparade 2008 wurde ein spezielles Verkehrskonzept für eine möglichst optimale An- und Abreise der Besucher entwickelt. Dabei werden auf allen Linien von/nach Dortmund und auf weiteren wichtigen Strecken zusätzliche Züge angeboten.“ Darin werden zusätzliche Züge, halbierte Taktzeiten im S-Bahnverkehr und vieles mehr versprochen.

Image
Warten auf einen Zug in Essen Steele-Ost

Die Realität sah anders aus: Als ich Samstagnachmittag meinen kleinen Heimat-S-Bahnhof Essen-Steele-Ost betrat, um „mal eben“ nach Essen Hauptbahnhof zu fahren (also entgegen der Loveparade), warteten ca. 150 meist jugendliche Menschen auf Weiterfahrt. Bereits seit 2 Stunden stand ihre S-Bahn auf den Gleisen und nichts lief mehr. Es gab nur einen Betreuer, einen eher zufällig anwesenden Mann vom Wachpersonal, der hoffnungslos überfordert war. Zwar kreiste martialisch ein Hubschrauber über der skurrilen Szene aus Jugendlichen, die über die Gleise liefen und die Beine am Bahnsteig baumeln ließen – und verkündete per Lautsprecher eine nicht verständliche Nachricht, aber sonst kümmerte sich niemand und die Gäste. Keine Durchsagen nichts. Auch ein Polizeiwagen, der zur „Mini-Loveparade“-Demo kam, hielt nur kurz an. Die beiden Insassen trauten sich offensichtlich angesichts der Jugendlichen nicht aus dem Wagen – und sie sahen zu, dass sie so schnell wie möglich wieder wegkamen. Währenddessen schlichte eine Traube Jugendlicher den Streit zwischen zwei Ravern.

Die Reisenden aus allen Teilen der Republik waren ziemlich sauer, weil sie die Love-Parade verpassten. „Nie wieder Ruhrgebiet“, „Wie kann man hier nur leben?“ waren nur die harmlosesten Kommentare.

So ging es den ganzen Nachmittag und Abend weiter. Es fuhren schließlich gar keine Züge mehr, bzw. tröpfelten mit Verspätungsmeldungen von bis zu 60 oder 90 Minuten ein.

Video in der WDR-Mediathek

Die Bahnhöfe im ganzen Ruhrgebiet waren ebenso wie die Züge überfüllt. Mein späterer Versuch, von Bochum nach Hause zu fahren, dauerte ganze zwei Stunden für die zwölf Kilometer.

Video auf "Der Westen"

Das wäre jetzt alles nicht erwähnenswert, wäre es ein Einzelfall. Aber schon im Regelfall hat die Deutsche Bahn im Ruhrgebietsnahverkehr gravierende Probleme. Der Weg morgens zur Arbeit gelingt nur, wenn man mindestens eine Bahn früher nimmt. Ständig lauten die Ausreden, dass eine Taube auf eine Oberleitung gekackt habe, es in Dortmund einen kleinen Schauer gab, und deshalb die Gleise rutschig sind oder dass in Herne ein Herbstblatt in eine Weiche gefallen sei. Dazu noch Triebwerksschäden, Oberleitungsschäden und andere Probleme einer Bahn AG, deren Fuhrpark auseinander fällt.

Wenn die Bahn es auch nicht bei einem eher Ruhr-internen Happening, der langen Nacht der Museen schon nicht hinbekam, Sonderzüge einzusetzen, sondern darüber hinaus auch noch jede zweite S-Bahn ausfallen ließ, dann stellt sich die Frage, wie das Ruhrgebiet überhaupt mit der Bahn AG noch Großveranstaltungen wie die „Loveparade“ stemmen will – bzw. welche alternativen Verkehrsanbieter es gibt. Einen ersten Schritt hat der Verkehrsverbund Rhein Ruhr bereits gemacht – und den Nahverkehrsvertrag mit der Bahn gekündigt. Bis Mitte 2009 laufen nun die neuen Ausschreibungen und Verhandlungen. Die privaten regionalen Anbieter stehen Schlange.

Bis zum Veranstaltungsmarathon der „Kulturhauptstadt Ruhrgebiet“ sollte auf jeden Fall eine Lösung gefunden werden: Eine bessere Bahn AG oder eine andere.

Dass bislang (ca 1:00 Sonntagmorgen) nichts Ernsthaftes auf den Bahnhöfen und in den Zügen geschehen ist, ist eine der schönen Seiten der Loveparade: Dass die BesucherInnen sehr entspannt sind – trotz aller Widrigkeiten – und auch ohne Polizei oder Ordnungspersonal klar kommen, bzw. die Probleme friedlich selbst regeln. Aber das nicht mit – sondern trotz der Bahn.




Weitere Artikel: