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Karl Friedrich Gehse: Architektur zum Leben PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Bernhard Raestrup   
08.05.2008
Image Karl Friedrich Gehse:
Häuser zum Hausen und Wohnen. Arbeiten im 20 Jahrhundert. 1970 - 1999
Bochum, 2008, 25 Euro


Karl Friedrich Gehse ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Architekten des Ruhrgebietes. Anlässlich seines 70. Geburtstags Anfang 2008 erschien ein Bildband, der einen Überblick über sein architektonisches und städtebauliches Werk gibt. Bereits der Titel des Bandes weist darauf hin, was im Mittelpunkt seiner Arbeiten steht: „Häuser zum Hausen und Wohnen“. Darüber hinaus ist Karl F. Gehse auch noch Maler, Aktionskünstler und Bewahrer alter Architektur. 

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Karl Friedrich Gehse ist  "im Bilde" 
Einmal falsch geplante Städte und einmal errichtete unwohnliche Häuser darin bleiben lange bestehen und bereiten den dort lebenden Menschen ein dauerhaftes Problem. Alexander Mitscherlich beschrieb in seinem Werk „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ die langfristigen Folgen der dahingesetzten Nachkriegsarchitektur, die heute noch ganze Innenstädte des Ruhrgebietes prägt.

So beginnt das Werkverzeichnis Karl F. Gehses mit dieser architektonischen Grundkontroverse des 20. Jahrhunderts: Die abstrakte Verherrlichung der Geometrie durch Corbusier gegen die Vision eines menschengerechten Bauens mit Naturformen, Rundungen, Unregelmäßigkeiten, regionalen Baumaterialien und historischen Architektur-Zitaten durch Karl F. Gehse.
 
Schon früh stemmte sich der am 18. Januar 1938 geborene Wittener gegen den sozialdemokratischen Realismus, der im Ruhrgebiet das Schleifen alter Hausfassaden finanziell unterstütze und bemüht war, auch die letzten, durch den Krieg unversehrt gebliebenen Baubestände abzureißen und gegen die rechtwinkligen graufarbigen Kästchen zu ersetzen.

Der Bewahrer: Die Hinkelstein-Aktion
 
Ende der Sechziger plante die Stadt Witten den Abriss eins alten Rittergutes, das durch Kriegsschäden zur Ruine verkommen war. Hier trat der damals etwa 30 jährige Karl F. Gehse mit zwei Freunden erstmalig in die Öffentlichkeit, um die Bausubstanz zu bewahren und daraus ein Kulturzentrum zu gestalten. Mit einer spektakulären Aktion, einem roten Strich zwischen Rathaus und „Haus Witten“, den die drei Aktionskünstler, als Asterix und Obelix verkleidet auf die Strasse malten und mit Hinkelstein aus Pappmaché, den sie in die Mitte der Ruine setzten, lösten sie eine europaweite Berichterstattung aus und retteten schließlich das Gebäude, das heute tatsächlich ein architektonischen Kleinod ist und – ergänzt um moderne Anbauten - als Kulturzentrum dient und gerne von der Stadt Witten vorgezeigt wird.
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Haus Witten heute

Streaming des Videos zur Hinkelstein-Aktion


Und so viel Schönes gibt es in Witten nicht zu sehen, wie Karl F. Gehse Mitte der Siebziger in einer Wochenendreihe in der Lokalzeitung dokumentierte: Er zeichnete damals die hässlichsten Wittener Ecken – und das lange vor Choldwig Poths „Last Exit Sossenheim“.

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Gerberviertel Bochum

Aber auch in seiner neuen Heimatstadt Bochum bemühte er sich um die Erhaltung alter Bausubstanzen – erfolgreich am Beispiel der heute gern besuchten Kleinbauerei und Restaurant „Tauffenbach“ in der Bochumer „Altstadt“, unweit des neuen, von ihm entworfenen Wohn- und Einkaufszentrums „Gerberviertel“. Und in der Stadt „Schönebeck“ rettete er heruntergekommene Fabrikgebäude und Lagerhallen vor dem Abriss, die heute ein Wohn-Schmuckstück an der Elbe sind.
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Schönebeck an der Elbe

Die Harmonie der Unordnung: Behausbarkeit
 
Er selbst baute sich für seine Familie ein unscheinbares Reihenhaus, in dem er bis heute lebt, ein Umstand, der verwundert, ertragen die meisten Architekten doch nicht ihre eigenen Bauten. So unspektakulär das Haus von außen wirkt, so überraschen ist es von innen: Sichtbeton, Holz und bloße Backsteine als Baumaterialien, Rundungen und Winkelchen, wo es nur geht, Treppen, und Stufen, Sitzecken, ein langer Kamin, der sich vom Erdgeschoss bis zum Dach zieht – und überall Fenster, so dass das Licht in das Haus strömen kann, bis in den Keller, der mit großzügigen Schächten aus regionalen Natursteinen freigelegt wurde.
 
Bereits dieses Reihenhaus erinnert an die späteren Schönebecker Gebäude, die bis auf das Fachwerk freigelegt wurden, nur, dass das „Fachwerk“ in diesem neuen Gebäude eine gezieltes Gestaltungselement wurde – und die Häuser so außen und innen mit traditioneller Form auflockert – und auch an Mondrian erinnert.
 
Das architektonische Zitat ist eine der herausragenden Stilmittel Karl F. Gehses. Dabei ist er nicht „postmodern“ in dem Sinne, wie heute vielen Neubauten Erker und Türmchen als Zierrat angeklatscht werden, sondern bleibt in jeder Hinsicht funktional. Türme, Rundungen, Bögen oder Innenhöfe haben eine Wohnfunktion – bestimmen die Architektur auch im Inneren und sind nutzbar angelegt.
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Moderne und Tradition: Wetter an der Ruhr 
Seine "Zitate" orientieren sich an der vorgefundenden Umgebung. Beispielhaft ist ihm dieses im Zusammenspiel zwischen alt und neu in Wetter an der Ruhr gelungen, wo die neu erbauten Häuser behutsam und auf den Augenwinkel bedacht, die existierende alte Bebauung aufnehmen.

Karl F. Gehse denkt zuerst an die Bewohner von Häusern, dann an Effizienz vs. Ästhetik oder Spielerei, dann an die Einbindung in die Umgebung. Dieses gelang ihm in stadtplanerischer Hinsicht vorbildlich in Wetter an der Ruhr, wo die Aufgabe darin bestand, ein altes Industriegelände im Zentrum der Stadt in eine Wohnstadt zu verwandeln, die sich zudem an eine alte Burgruine anpassen sollte.

Wetter ist heute für Architekturliebhaber einen Ausflug wert, denn Karl F. Gehse stellte eine massive Wohnanlage in und um alte Baubestände – ohne dass es beim Spaziergang durch die so entstandenen Gässchen und über die Plätze, die rege von den Einwohnern benutzt werden, auffällt: Türmchen, Torbögen, Winkel, krumme Wege allerorten aus modernen Baumaterialien harmonisieren mit den alten, größtenteils geretteten Baubeständen, als wäre es niemals anders gewesen. Diese Stadt mag man noch in hundert Jahren gerne bewohnen. 

Eine seiner Künste ist es, gewaltige Häuser, bzw. ganze Wohn- und Einkaufszentren zu entwerfen, deren Masse sich dem Auge nicht erschließt. Dieses ist vorbildhaft im Ruhrhof Witten-Bommern oder auch im Gerberviertel in Bochums Zentrum gelungen. Wie massiv diese Anlagen in Wirklichkeit sind, erschließt sich oft erst aus Luftbildern bzw. Plänen. Das Gerberviertel in Bochum zieht sich als geschlossenes Gebäude über mehrere Straßen, ohne dass dieses im Einzelnen nicht erfasst werden kann. Diese Gebäude wurden architektonisch und städteplanerisch „kleingebaut“. Dieses gelingt durch Ecken, Rundungen, Winkel, Torbögen und immer neue Gestaltungselemente – und dennoch ist vieles aus Fertigteilen erstellt.
 
Nun ja, mag man sagen, teuer Bauen kann jeder. Doch zu Karl F. Gehses Werken gehörte eben auch der preiswerte Wohnungsbau, gleichzeitig sozial im engsten Sinne des Wortes. Geradezu ein Politikum wurde Mitte der Achtziger ein „Experiment“, in dem er in Bochum die Bewohner einer geplanten Hausanlage dazu aufrief, die Gestaltung ihrer Gebäude selbst zu übernehmen. Ähnliches verwirklichte er mit demokratischer Mitbestimmung in Low-Cost-Wohnanlagen in Bochum Hiltrop und Wetter. Auch hier sind die Gebäude mehr in die Gegend gewürfelt, um Plätze für Zusammenkünfte und Feste beleben zu können und die Autos „draußen“ zu halten.
 
Was Karl F. Gehse auszeichnet, sind seine drei Grundprinzipien: Wenn es geht, die Bewahrung alter Bausubstanzen – auch in Kombinationen mit neuen Materialien, Neubauten als soziale Lebensräume im Innern, im Privaten, zu verstehen und im äußeren als Treffpunkte – und Zitate aus der Architekturgeschichte zu verarbeiten, sei es die Einarbeitung alter Materialien, seien es Türme oder Rundbögen.

Zeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde
 
In der Ausstellung seiner Zeichnungen im Museum Witten anlässlich seines 70. Geburtstages konnte man Landschafts- und Architekturzeichnungen von Karl F. Gehse betrachten. Neben den, bereits erwähnten, hässlichen Ansichten Wittens, waren dort auch frühe Zeichnungen vertreten, die der Schüler Gehse in seiner Wittener Heimat anfertigte und die heute längst vergangene Winkel und Straßen zeigen – und stünden dort nicht die Jahreszahlen der Entstehung auf dem Papier, so könnte man glauben, sie seien aktuellen Datums, denn bereits damals zeichnete er meisterhaft. Stift und Papier trägt er meistens bei sich und beherrscht die Gabe, mit einem kleinen sechsfarbigen Aquarellkasten schnell mal eben Ansichten auf seinen Reisen in kleinen Bildbänden zusammenzumalen. Daraus entstand im Laufe seines Lebens sein zweites großes Werk, einige zehntausend Zeichnungen, Aquarelle und Ölbilder.
 


Image Im Ruhestand konzentriert sich Karl F. Gehse auf die Malerei, die allerdings immer auch seine architektonische Arbeit begleitete. Unmengen an Zeichnungen geplanter und realisierter Gebäude existieren, in denen er die neuen Häuser in die existierende Umwelt hineinzeichnete. Karl F. Gehse ist ein Meister des Aquarells, wie wir bei Diadiss auch bereits am Beispiel der „Tunisreise“ dokumentiert haben.
In den letzten Jahren übt er sich in Ölbildern, nicht, ohne einen Bildband des großen Rembrandts auf einem seiner Schreibtische liegen zu haben und sich stets zu wundern: „Wie hat der das nur hingekriegt?“. Entstanden sind wunderbare ironische Portraits, z.B. des letzten Wittener Bürgermeisters Lohmeier, der mit Gebäuden seiner Stadt als Schachfiguren spielt oder von Freunden voller symbolischer Anspielungen.


 
Seine Stadtansichten sind übrigens fast durchweg unsentimental – ein typisches Beispiel ist ein Ölgemälde Bochums, das den Südbahnhof zeigt und die triste Architektur abbildet, fast ironisch.
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Stadtansicht Bochum

Der Schelm: Mal ma wat
 
Bereits die Hinkelstein-Aktion kündigte es an: Humor ist die wahre Subversion. Karl F. Gehses Geburtstagsfeier in Museum Witten würdigte den Menschen und das Werk – aber vor allem wurde viel gelacht bei den Vorträgen. Aus Gehses Leben ist Humor und eben auch Selbstironie nicht wegzudenken. Zitate, die bleiben: „Wir haben leider nicht viele Fotos von früher, denn Papa war immer mit der Super 8 und seinem Zeichenblock unterwegs“, „Ich baue Häuser – und nicht U-Boote“, als Antwort in einem Prozess um ein undichtes Dach – und Karl F. Gehse selbst, der, statt eine Rede zu halten, sich selbst ins Bild setzte und vor Blitzlichtgewitter schwieg und lächelte.

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In seinem anderen Leben, bei den Schlaraffen, heißt er nun „Malmawat“, weil er immer wieder aufgefordert wird, „mal eben“ die eine oder andere Zeichnung anzufertigen. Anläßlich des 100. Jubiläums der Bochumer Schlaraffen gestaltete er einen reich illustrierten Bildband mit zahlreichen Portraits seiner Mitschlaraffen.
 
Zu erwähnen wäre auch noch das satirische Buch „Der Erwin“, das Portrait eines ewigen Verlierers, das aber soll hier gesondert vorgestellt werden.
 
Karl F. Gehses Bildband gibt einen Querschnitt durch sein architektonisches Werk. Das Buch dokumentiert viele Veröffentlichungen über seine Arbeiten in internationalen Literaturzeitschriften und in der regionalen Presse. Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Von freistehenden Einzelhäusern, über Reihen- bzw. Stadthausprojekten hin zu Siedlungshäusern und Wohngruppen. Es umschließt den Zeitraum von 1970 bis etwa 2000. Für Liebhaber zeitgenössischer Architektur ist dieses Buch ein Muss.




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