 | Luisa Martin zeigte mir vor etwas mehr als einem Jahr fast schüchtern sieben Zeichnungen, die sie angefertigt hatte. Sie bildeten fast durchgehend Tänzerinnen ab. Meine Begeisterung über die Zeichnungen konnte sie meinem Gesicht ablesen – sie konnte es kaum glauben. Sind die wirklich gut, fragte sie. Seitdem pinselt sie immer wieder mal eine Zeichnung hin. Jetzt präsentiert sie ihre Zeichnungen im Rahmen einer Gemeinschaftsausstellung in Bochum. |
Noch faszinierender als ihre Pinselzeichnungen selbst, ist es, ihr zuzuschauen, wie sie sie auf das Papier pinselt. Sie greift nach dem Pinsel, setzt kurz an und tanzt erste Linien, noch einmal, noch einmal – ganz spontan und schon ist das Bild fertig.
 | Meistens braucht sie keine Minute dafür. Jeder Strich, jeder Punkt sitzt – aus dem Handgelenk. Ihr Thema ist der Tanz: „Der Boden. Dem Boden nah. Bis jetzt habe ich nur Bodennah gelebt, auf den Boden geblickt – 1 ...2 ... 3 ... – mich konzentriert auf den Boden – 1 uuund 2 uuund 3 -, Maß genommen am Boden für die Anspannung, die Willenskraft meines Seins, des Kreiselns, Mich-um-mich-selber-Wirbeln...“*
Tanzen, wirbeln, kreiseln, Schritte setzen, flirrende Röcke, drehende Arme, Bewegung, das alles, was ihr Beruf ist, das alles pinselt sie mit kurzen, klaren dahinskizzierten Strichen auf Papier – Zeichnungen, die nicht nur den Tanz beschreiben, sondern Tanz sind. In der Zeichnung „Tänzerin in Schwarz“ sind klar die Pinselstriche zu erkennen – und deutlich auch, mit welcher Eleganz und Spontaneität sie die Tusche aufs Papier brachte: Die Arme mit gesplissener Pinselspitze, die Haare mit Spuren der Überzeichung von Linie zu Linie, Schmuck und Pailletten hingetupft – sichtbar die Geschwindigkeit, mit der sie zeichnete.
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„Vorspringen, hochspringen, auf die Spitzen, erstrebte Schwerelosigkeit über dem Boden. Der Tanz. Immer der Tanz. Schwalbenberuf.“* Luisa Martin arbeitet als Lehrerin für lateinamerikanischen Tanz. Sie bringt vor allem Kindern bei, mit ihrem Körper zu spielen, die Schwerkraft zu erfahren, das Drehen, das Wirbeln um den eigenen Schwerpunkt, das Finden eines gemeinsamen Schwerpunktes in Paartanz – das Körpergefühl. Ihre Zeichnung „Roter Engel“ spiegelt die erlernte Leichtigkeit wider – auch hier die gesplissene, trockengelaufene Pinselspitze, die die Bewegung erzeugen, die flächigen Füllungen an jenen Stellen, an der Schwerpunkt der Bewegung liegt, wie eine Gebrauchsanweisung für SchülerInnen. Als ich einmal zum Essen bei ihr eingeladen war, griff sie während der Zubereitung der Speisen nach Papier und Farben und pinselte zwischendurch eine ihrer Zeichnungen herunter. Sie behandelte das leere Blatt Papier, als wäre die Struktur für die Zeichnung schon vorgegeben – kein Plan, keine Bleistiftvorzeichnung, nein, sie nahm die Farbe und malte in einem Zug und in vielleicht 2 Minuten. „Das muss jetzt trocknen“, sagte sie und ging zurück zu den Tortillas. Je leichter ein Tanz aussieht, desto härtere Arbeit steckt dahinter in der Vorbereitung und desto mehr Konzentration und Körperbeherrschung im Augenblick des Tanzes, denn er gehört zu den Künsten, die nur in der Gegenwart, in der Präsenz existieren. Und die Präzision der Schritte, der Bewegungen ist jene geistige Gegenwart, die man z.B. beim Holzhacken benötigt: Der Scheit wird nicht durch Kraft, sondern nur durch Konzentration geteilt – durch Geist. Äußerlich betrachtet wird Tanz durch äußerliche Erotik verwechselt – dabei wird übersehen, dass die geistige Leistung die Erotik des Tanzes ausmacht. Nicht die flirrenden Kleider oder Nichtkleider – sondern die reine Konzentration – bis hin zum Fluss in die Bewegungen, die dann wie von selbst kommen, eine Erotik, die dann einfach nur da ist.
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Diese scharfe Präzision überträgt Luisa Martin auf ihre Zeichnungen, die entstehen, weil sie zeichnet, wie sie tanzt – mit der gleichen erschöpfenden Konzentration für Sekunden. „...wo ich am Rand des von Köpfen bevölkerten Abgrunds für Sekunden in die Unbeweglichkeit einer Statue zurückkehre, ringend um statuarische Unbeweglichkeit im unsicheren Gleichgewicht, der scheinbaren Beruhigung der Muskeln, die nun, vom Schwung ermüdet, stützen müssen.“* Luisa Martins Originale sind ab dem 02. März 2008 in Bochum in einer Gemeinschaftsausstellung zu sehen. * Zitate aus: Alejo Carpentier – Le Sacre du Printemps |